29.12.2017
Wer Gedichte liest, taugt nicht zum Populisten
text ROBERTO SIMANOWSKI
In der Mehrdeutigkeit liegt die Kraft
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Diese Worte des deutschen Dichters Hölderlin aus dem Jahre 1803 bilden einen guten Satz, um einen Text über die nun überall empfundene Bedrohung durch den Populismus zu beginnen.
Es ist ein guter Satz, nicht weil er den üblichen Aufruf, die Demokratie zu verteidigen, mit der nötigen Portion an Optimismus ausstattet, sondern weil er selbst schon den Kampf austrägt.
Es ist ein Satz, der einen Widerspruch als Maxime ausgibt: Die Gefahr ist gleichsam das Rettende. Und es ist ein Satz mit ungewissen Wörtern: Was genau bedeutet Gefahr und was Rettung? Und wie ist das Wachsen gemeint? Der Satz mag mit seiner Auskunft beruhigen, kommunikationspsychologisch verunsichert er durch seine Mehrdeutigkeit. Er bringt die Gefahr des Missverstehens mit sich. Genau darin liegt das Rettende, wenn es um den Populismus geht. Denn die Gefahr, die der Populismus bedeutet, ist das Schwarz-Weiss-Denken. Es gibt das Volk, das die Populisten zu vertreten vorgeben, und die Elite, gegen die sie das Volk schützen müssen. Es gibt die Guten und die Bösen. Es gibt Gefahr auf der einen, Rettung auf der anderen Seite.
Eindeutigkeit ist eine Illusion
Die Ein- und Ausschliessungen des Populismus basieren auf einer Homogenitäts- und Eindeutigkeitsillusion. Es fehlen die Zwischentöne und Schattierungen, wenn es um Zuordnung geht oder um Werte und Argumente. Es fehlt die Mehrdeutigkeit, die ein Satz wie dieser aus Hölderlins Hymne «Pathos» mit sich bringt – und die der Hymne insgesamt eigen ist, allen Gedichten Hölderlins, der Dichtung, der Sprache. Aber eben nicht der Mathematik.
Die symbolische Form des Populismus ist die Mathematik, und zwar zunächst in ihrer reduzierten Form als 0 und 1, dem binären Grundmodell der digitalen Medien. Dass der Populismus gerade in diesen Medien (denen wir heute das Wort «Filterbubble» verdanken) so erfolgreich ist, liegt nicht daran, dass die Kommunikation hier im 0/1-Modus steckenbliebe. Aber die meisten Interaktionen in sozialen Netzwerken sind durchaus genau dies: keine sprachlichen Kommentare oder gar poetischen Anrufungen, sondern Ja/Nein-Entscheidungen.
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16.12.2017
„Nostalgie interessiert mich nicht“ Anupama KUNDOO
interview MAIK NOVOTNY
Die indische Architektin Anupama Kundoo entwickelt ressourcenschonende Materialien für den Selbstbau. Wie man aus lokalen Traditionen ganz ohne Lehmhüttenromantik etwas Neues schafft, erklärt sie im Interview.
Sie pendelt zwischen Indien und Spanien, sie sorgte auf der Architekturbiennale in Venedig 2016 mit ihrem Selbstbauhaus aus bunten Faserbetonplatten für Aufsehen. (...) Mit dem STANDARD sprach sie über die Wohnungskrise und die Dualität von Tradition und Innovation.
Standard: Sie sprechen in Wien bei einem Symposium zum Thema Wohnbau. Wo sehen Sie die globalen Herausforderungen, wenn es ums Wohnen geht?
Kundoo: Wir befinden uns zurzeit in einer extremen Krise auf allen Ebenen: Die Umwelt ist in Schieflage, der soziale Zusammenhalt ist bedroht, und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Die Wohnungsfrage war bis vor kurzem keines dieser Probleme. Fragt man ein Kind, was „Wohnen“ ist, sagt es: ein Zuhause. Fragt man heute einen Erwachsene, sagt er: eine Investition. Früher wohnte man eben und verdiente sein Geld für die anderen Lebenshaltungskosten. Heute nehmen Investoren und Bewohner riesige Bankkredite auf, und die Banken, die davon profitieren, tun so, als ob sie ihnen damit einen Gefallen tun. Noch dazu sind die Standards im Wohnungsbau so hoch geworden, dass günstige traditionelle Baumethoden gar nicht mehr zulässig sind. Das betrifft längst nicht mehr nur die Armenviertel. Wenn sich selbst die, die einen guten Job haben, das Leben in Städten nicht mehr leisten können, dann läuft etwas grundsätzlich falsch.
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Kundoo: Viele Gebäude vermitteln heute kaum noch ein Gefühl für den Ort, an dem sie stehen. Ob in Singapur oder Dubai, man sieht immer dieselben Glastürme. Je mehr sich die Städte global entwickeln, desto mehr Glastürme gibt es, weil diese Städte sich nicht auf ihre Tradition besinnen. Aber wie toll wäre es, wenn man an einem Ort die Verbindung zwischen der Kultur und ihren Baumaterialien erkennt! Die Fähigkeiten der Leute haben sich aus dem entwickelt, was in der Region vorhanden war, und daraus können wir eine Architektur erzeugen, die an ihrem Ort verwurzelt ist.
Standard: In der Architektur wird immer öfter über Social Design geredet. Fühlen Sie sich in dieser Kategorie zu Hause?
Kundoo: Architektur ist nicht Sozialarbeit. Wenn mein Ziel Sozialarbeit ist, gebe ich den Bedürftigen einfach direkt das Geld. Ich sehe mich eher in der klassischen Rolle der Architektin, und dazu gehören Technologie und der richtige Umgang mit Ressourcen. In Indien wohnt ein Sechstel der Weltbevölkerung, aber wir verfügen nur über 2,4 Prozent der Landmasse. Das heißt, der Boden ist unser kostbarstes Gut. Wenn europäische Architekten den Energiebedarf ihrer Häuser um 25 Prozent senken, nennt man das ökologisch. Aber wenn wir diesen Verbrauch auf Schwellenländer übertragen, bräuchten wir sechs oder sieben Planeten. Das heißt, was wir heute ökologisch nennen, ist nicht ökologisch genug. Wir müssen viel sparsamer mit Ressourcen umgehen, und dazu brauchen wir eine Balance zwischen Hightech und Lowtech.
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foto: Eleganz aus Zement und Maschendraht: Mit dem von Kundoo entwickelten Baukastensystem Full Fill Homes kann ein Zuhause binnen fünf Tagen errichtet werden. Die Wände dienen gleichzeitig als Stauraum.
foto: Hightech meets Lowtech: Das Wall House im indischen Auroville ist nicht nur das eigene Wohnhaus von Anupama Kundoo, sondern auch Experimentierlabor für ihre Forschung an neuen Materialien.
foto: Anupama KUNDOO

13.12.2017
Niemand will ein Opfer sein
text HELMUT KÖNIG
Warum haben Menschen, die sich benachteiligt fühlen, Donald Trump gewählt? Arlie Russell Hochschild sucht nach Erklärungen
Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA lässt auch noch ein Jahr später den politischen Puls überall in der Welt schneller schlagen. Trotz ausbleibenden Erfolgen ist die Zustimmung zu Person und Amtsführung im eigenen Land nach wie vor sehr hoch. Verwundert stellt man auf der liberalen Seite des politischen Spektrums fest, dass die Anhänger Trumps offenbar unbegrenzt leidensfähig, unbelehrbar und enttäuschungsresistent sind.
Die 2016 in Amerika publizierte und jetzt auf Deutsch vorliegende Studie der Soziologin Arlie Russell Hochschild bietet eine wunderbare Möglichkeit, sich auf profunde Weise darüber zu informieren, was in den Köpfen und Seelen der amerikanischen Rechten eigentlich vorgeht.
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Da wird klar, dass nicht das Wissen die Sichtweisen und Standpunkte der Leute bestimmen, sondern dass es umgekehrt eine emotional tief verankerte Haltung zur Welt ist, die den Ausschlag dafür gibt, wie sie die Geschehnisse wahrnehmen und welche Konsequenzen sie aus ihnen ziehen.
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Natürlich fragt sich der liberale Beobachter: Warum um alles in der Welt begehren sie nicht andersherum auf? Warum stellen sie keine Forderungen an den Staat? Warum machen sie nicht gemeinsame Sache mit denen, die hinter und vor ihnen in der Schlange stehen, um endlich öffentliche Förderprogramme für gute Schulen und staatliche Umweltauflagen für die allmächtige Ölindustrie durchzusetzen? Die Antwort ergibt sich aus der Tiefengeschichte: Das würde auf fundamentale Weise ihrem Selbstbild widersprechen. Sie wollen nämlich auf gar keinen Fall als hilfsbedürftige Opfer erscheinen. Das widerspräche zutiefst ihrem Stolz, der ihnen über alles geht.
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13.12.2017
Genie ist kein Freibrief
text ANDREA KÖHLER
Die USA schlagen das nächste Kapitel in der Sexismus-Debatte auf. Soll man Künstler und Kunstwerk auseinanderhalten?
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Die Frage ist nicht so absurd, wie sie klingt, wurde die Forderung doch jetzt bei einem anderen Bild im selben Museum laut: beim 1938 entstandenen Gemälde «Thérèse rêvant» von Balthus, einem jener allerdings ungeschminkt voyeuristischen Mädchenporträts, die den Maler von Kindern auf der Schwelle zur Pubertät schon immer dem Verdacht der Pädophilie aussetzten. Es ist dies ein nicht nur von ihm selbst, sondern zuweilen auch von Kunsthistorikern bestrittener Verdacht, der direkt ins Zentrum der gegenwärtigen Missbrauchsdebatte im Umfeld der schönen Künste führt: Sind die Kunstwerke für die sexuellen Neigungen ihrer Schöpfer zu verurteilen?
Der Fall Balthus beschäftigte die New Yorker Öffentlichkeit schon vor vier Jahren, als das Metropolitan Museum unter dem niedlichen Titel «Girls und Cats» eine grosse Retrospektive dieses Motivs ausrichtete; die Ausstellung wurde von einer Polaroid-Dokumentation in der Gagosian-Galerie begleitet. Die explizit sexuelle Natur sowohl dieser Fotografien als auch der Gemälde kann nur ein Blinder bestreiten wollen. Genauer gesagt: Es geht in Balthus’ Gemälden um nichts anderes als den – nicht selten direkt zwischen die Beine – gelenkten erotischen Blick.
Man mag diese Bilder anstössig finden, sie haben in ihrer zwischen Begehren, Unschuld und Obszönität changierenden Mischung eine abgründige Faszination. Das Merkmal von Kunst ist Ambivalenz, und dazu gehört auch das Verstörende, Grausame, Unappetitliche. Das heisst nicht, dass der Zweck alle Mittel heiligt. Doch trifft die erotische Motivierung des voyeuristischen Blicks auch auf viele Madonnen-Darstellungen zu, deren milchweisse Brüste durchaus nicht nur den mütterlichen Instinkt ansprechen. Der Moment, wo die Forderung laut wird, die Mutter Gottes vor den lüsternen Blicken der Museumsbesucher zu schützen, scheint derzeit nicht mehr weit.
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