© The Schusev_State Museum of Architecture Moscow

30.12.2014

BAUHAUS und WCHUTEMAS: zwei Ausstellungen

Labore der klassischen Moderne

Neue Zürcher Zeitung vom 30.12.2014, Seite 43:

 

Zwei Ausstellungen über sowjetische Architektur-Utopien und freie Gestaltung am Bauhaus

Den wohl legendärsten Gestaltungsschulen im frühen 20. Jahrhundert, dem deutschen Bauhaus und den Wchutemas in Moskau, widmen sich derzeit zwei Ausstellungen in Dessau und in Berlin. Beide Institutionen verfolgten trotz intensivem Austausch divergente Lehrkonzepte, ihre Schüler aber rangen um das Gleiche.

Text: Bettina Maria Brosowsky

Auf der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig kommentierte Russland das vorgegebene Motto «Absorbing Modernity 1914–2014» mit einem parodistischen Beitrag. Eine fingierte Baumesse präsentierte die Grundfesten russischer Baukultur, darunter auch eine Neuauflage der Architekturschule Wchutemas, die 1920 gegründet und bereits 1930 wieder aufgelöst wurde. Besucher durften mit Knetmasse deren neuartiges pädagogisches Konzept probieren: «Das analoge Training für eine digitale Welt». In schlichten Regalen wurde zudem der Inspirationsquell postrevolutionärer Architekturformen demonstriert, die in manch aktuellem Investorenprojekt in Moskau oder St. Petersburg megalomane Repliken erleben.

Grundlehre «Raum»

Ohne Zweifel: Von dem ästhetischen und didaktischen Wirken der Wchutemas geht eine ungebrochene Faszination aus. Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin belegt dies eindrucksvoll anhand von rund 250 Architekturskizzen, Planzeichnungen und Modellen aus dem Moskauer Schtschussew-Museum für Architektur.

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Die Wchutemas-Ausstellung ist bis 6. April 2015 im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen

Die Bauhaus-Schüler-Ausstellung ist bis 1. März 2015 im Bauhaus Dessau zu sehen.

 

 

 

29.12.2014

Aus dem Geist der Aufklärung

text GOTTFRIED HÖFFE

Nur ein regenerationsfähiger Liberalismus erweist sich als zukunftstauglich.

 

In der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts vorgeprägt, wird der Liberalismus im 19. Jahrhundert zum entscheidenden Herold und Vorkämpfer für eine freiheitliche Wirtschaftsordnung (Wirtschaftsliberalismus), für eine zunehmend offene Gesellschaft (Gesellschaftsliberalismus) und für einen demokratischen Verfassungsstaat bzw. eine konstitutionelle Demokratie (politischer Liberalismus). Als aufgeklärten Liberalismus bezeichne ich hier eine Grossfamilie von Theorien und Programmen, die sich durch drei Kernelemente der Aufklärung auszeichnen.

Ein aufgeklärter Liberalismus ist erstens gegen jede ideologische und autoritäre, dabei wirklichkeitsresistente Politik allergisch; stattdessen vertraut er lieber auf die Erfahrung. Diese beginnt mit einer anthropologischen Erfahrung: dass sich der Mensch durch die Doppelnatur von Kooperation und Konflikt auszeichnet. Einerseits ist er auf ein vielfältiges Zusammenwirken angewiesen. Es beginnt mit der wechselseitigen Hilfe und reicht über die Arbeitserleichterung durch Arbeitsteilung und Spezialisierung bis zur gegenseitigen Anerkennung, selbst Liebe und Freundschaft. Andererseits herrschen schon deshalb Konkurrenz und Konflikt, weil weder ökonomische Dinge wie Güter und Dienstleistungen noch ausserökonomische wie Anerkennung und die freundschaftliche Zuwendung in paradiesischer Überfülle existieren. Hinzu kommt, dass die Menschen sich voreinander auszeichnen wollen, dass nicht zuletzt Neid und Eifersucht drohen. (…)

 

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bambusloeffel-alvaro-abreu © foto_hans HANSEN

22.12.2014

Exerzitien eines Löffelschnitzers

text PHILIPP MEIER

 

Jeden Tag einen Löffel schnitzen. Dies tut der Brasilianer Alvaro Abreu seit vielen Jahren. Nicht um davon zu leben, nein. Er war von Berufs wegen Produktionsingenieur, Universitätsprofessor und Unternehmer und hätte dies sicher gar nicht nötig. Er tut es aber gleichwohl, um davon zu leben – in einem ganz anderen Sinn. Es ist sein täglich Brot geworden, sein Lebenssinn gewissermassen. Das Bambuslöffelmachen wurde ihm zur Berufung.

Alvaro Abreu begann mit seinem Exerzitium vor knapp zwanzig Jahren. Von einem solchen zu sprechen, ist dabei nicht so falsch. Abreu hat daraus ein Ritual gemacht. Oder vielmehr ist der Umgang mit Bambus, Messer und Schleifpapier für ihn zu einer unerlässlichen Gewohnheit geworden. Tausende von Löffeln hat er schon gemacht.

Schaut man ihm bei der Arbeit zu – die Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur zeigt auch ein Video –, so wird man Zeuge einer sehr konzentrierten Tätigkeit, bei der jeder Handgriff völlig natürlich erscheint und sich wie von selbst aus der Abfolge der einzelnen Arbeitsprozesse ergibt. Auch scheint das Löffelschnitzen für Abreu eine erfüllende Beschäftigung zu sein. Man ist an japanische Handwerker erinnert und an deren Demut vor dem Material, deren Ruhe und Geduld auch im Umgang mit diesem.

Immer schnitzt Abreu seine Löffel aus einem einzigen Stück Bambus. Er belässt sie unlackiert, in ihrem Naturzustand. Allein durch Schleifen und Polieren erhalten sie ihren sanften Glanz. Die sichtbare Maserung des Holzes, die Knoten des Bambus werden dabei zu Gestaltungselementen.

Bei seinem geradezu spielerischen Tun erfindet Abreu immer wieder neue Formen, als ob ihm das Material je nach Beschaffenheit selber die ideale Gestaltung einflüstern würde. Dabei geht es ihm tatsächlich um eine rein gestalterische Idee: Was alles kann ein Löffel sein, welche Formen ermöglicht das äusserst vielseitig verwendbare Material Bambus? Wie weit kann man das einfache Thema Löffel variieren? (…)

 

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18.12.2014

Zwei leere Stühle, die sich gegenüberstehen

text ALEIDA ASSMANN foto IMRE BELLON

 

In Budapest gibt es Widerstand gegen ein neues Denkmal, das mit dem Erinnern das Vergessen betreibt. Von Aleida Assmann

In Ungarn herrscht ein Krieg der Erinnerungen. Es gibt zurzeit kein anderes Land in Europa, in dem die Vergangenheitsbilder so radikal aufeinanderprallen. In Budapest wird derzeit um ein mittels Generalisierung Verharmlosung betreibendes Denkmal zum Einmarsch deutscher Truppen 1944 gestritten.

Es gibt in Budapest schon seit längerem eine Reihe von Denkmälern und Zeichen, die an die Ermordung der ungarischen Juden während des Zweiten Weltkriegs erinnern, so etwa das Denkmal der Schuhe am Donauufer, das 2005 von den Künstlern und Filmemachern Gyulas Pauer und Can Togay geschaffen wurde, oder die Trauerweide aus Metall, genannt: «Der Baum des Lebens» des Künstlers Imre Varga vor der Grossen Synagoge.

Ein neues Kapitel in der Denkmalgeschichte der Hauptstadt hat mit dem Staatsdenkmal begonnen, das am Platz der Freiheit in der Nacht auf den 20. Juli 2014 aufgestellt wurde. Es kam vier Monate zu spät, denn es sollte eigentlich am 19. März, siebzig Jahre nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Ungarn, bereit sein. Dieser Zeitplan scheiterte, weil schon im Vorfeld der Denkmalsetzung Widerstand aufkam und juristische Nachfragen abgeklärt werden mussten.

Am Freiheitsplatz war nicht mehr viel Platz für ein weiteres Denkmal. Von zwei Seiten ist er mit stattlichen Gebäuden gesäumt, an einer weiteren Seite steht das sowjetische Befreiungsdenkmal, und auf der Grünfläche befindet sich die gläserne Überdachung einer Tiefgarage. An der letzten freien Seite steht nun das Okkupationsdenkmal, das von einer Konstruktion abgebrochener Säulen gerahmt ist, wie man sie als Standardsymbol für Trauer von europäischen Friedhöfen kennt.

 

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17.12.2014

Bee Home

Ohne Bienen kein Obst

text NATALIE AVANZINO foto CHRISTOPH RUCKSTUHL

 

Die Zahl der Bienen ist weltweit rückläufig, entsprechend gefährdet ist die ausreichende Bestäubung vieler Pflanzenarten. Ein ETH-Spin-off hat nun ein Projekt entwickelt, das den Bestäubungsprozess in der nächsten Umgebung unterstützt.

Bienen sind die wichtigsten Mitarbeiterinnen der Obstbauern, denn ohne bestäubte Blüten gibt es kein Obst. Neben Honigbienen gibt es allein in der Schweiz über 600 Arten Wildbienen. Rund ein Drittel unserer Lebensmittel wird aus Pflanzen hergestellt, die auf die Bestäubung durch Insekten, vor allem durch Bienen, angewiesen sind.

 

Mauerbienen stechen nicht

Dieser Prozess ist durch das weltweite Bienensterben gefährdet. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Populationen vieler Arten markant zurückgegangen. Dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: Die meisten Bienen sind auf ein sehr spezifisches Blütenangebot und geeignete Nistplätze angewiesen. Durch die Zersiedlung und die Intensivierung der Landwirtschaft wurden diese Habitate immer weiter voneinander getrennt, so dass die Bienen weniger geeignete Flächen für die Aufzucht ihrer Brut finden.

Zwei Zürcher Biologen bringen nun die lokale Bienenpopulation in Schwung. 2014 haben Claudio Sedivy und Tom Strobl das ETH Spin-off Wildbiene und Partner gegründet und vertreiben ein eigens dafür entwickeltes Bienenhäuschen an Private. Das «Bee Home» enthält ein Bambusröhrchen mit einer Startpopulation von 15 Mauerbienenkokons. Jeder dieser ungefähr erdnussgrossen Kokons enthält eine voll entwickelte einheimische Mauerbiene im Stadium der Winterruhe. Im Frühling schlüpfen die Bienen aus dem Röhrchen und bestäuben die Pflanzen im Umkreis von etwa dreihundert Metern. «Keine Sorge, die Mauerbienen sind harmlos, sie stechen nicht», betont der 33-jährige Strobl. Dafür könne man aus nächster Nähe in deren faszinierende Welt eintauchen. Die emsigen Weibchen sammelten Pollen und Nektar, um in den Bambusröhrchen ihre Jungen zu versorgen, erzählt der Jungunternehmer. (...)

 

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