
28.11.2014
Geld ist Entmachtung
interview SIGRID SCHAMALL
Unser Geldsystem verdirbt, macht gierig und schürt Neid, sagt Psychologe Tarek el Sehity.
Geldknappheit spürt paradoxerweise das reiche Prozent der Gesellschaft besonders intensiv.
Standard: Ist Geld Macht?
El Sehity: Ganz im Gegenteil: Geld ist Entmachtung. Weil wir uns daran gewöhnt
haben, Geld aus der Perspektive des Geldgebers – also des Käufers – anzusehen,
erleben wir den Geldbesitz als eine ungemeine Ermächtigung. Die wenigsten Käufer
könnten jedoch erklären, warum sie sich für das bunte Papier in der Hand ihre
Bedürfnisse erfüllen können. Welche Macht bewirkt, dass wir ab einer bestimmten
Geldmenge auch unsere kostbarsten Leistungen und Güter anbieten? Wenn wir als
Verkäufer nämlich unser Angebot mit Erleichterung einem Geldgeber überreichen,
passiert etwas äußerst Denkwürdiges: Reales wird für etwas Fiktives gegeben. Die
bedruckten Scheine haben an und für sich keinen Gebrauchswert. Wie es
funktioniert, wird kaum verstanden, und die genaue Bedeutung der Zahlen auf den
Scheinen und Konten lässt sich eigentlich auch nur vermuten. Dieses rätselhafte
Artefakt ist für uns die Grundbedingung, damit wir geben. Und dies, ohne dass
das Geld in der Produktion oder auch in irgendeiner Produktionskette eine
praktische Relevanz für unser Tun und Handeln hätte. Die Macht des Geldes ist
also keine praktische, da es uns zu nichts befähigt. Vielmehr besteht die Macht
des Geldes in der Leistungshemmung, nämlich den Leistungs- und Gütertransfer zu
stoppen, wenn kein Geld angeboten wird.
Standard: Wollen Sie darauf hinaus, dass wir ein paar Tausend Jahre zurück in den
Tauschhandel sollen?
El Sehity: In einer Welt, die in den vergangen 400 Jahren ein Kontinuum an
technologischen Revolutionen erlebt hat und Maschinen unsere Fabriken und
Wohnungen bevölkern, mutet es doch seltsam an, dass wir zur Regulierung unseres
Angebotes nach wie vor die Logik eines künstlich verknappten Artefakts bedienen. Wozu?
(...)

08.11.2014
Yun Dong-Ju, Selbstporträt
Yun Dong-Ju (1917–1944)
Allein gehe ich um den Berg
zum Brunnen am Ackerrand.
Still blicke ich hinein.
Darin leuchtet hell der Mond,
Wolken ziehen dahin,
Der Himmel liegt ausgebreitet,
blauer Wind weht,
und der Herbst weilt dort,
ebenso ein Mann.
Irgendwie mag ich ihn nicht
und wende mich ab.
Als ich so fortgehe,
überfällt mich Mitleid für ihn.
Ich blicke wieder in den Brunnen,
da ist immer noch der Mann.
Auch diesmal mag ich ihn nicht
und wende mich ab.
Als ich so fortgehe, überkommt mich die Sehnsucht nach ihm.
Im Brunnen leuchtet hell der Mond, Wolken ziehen dahin,
Der Himmel liegt ausgebreitet,
blauer Wind weht,
und der Herbst weilt dort.
Einer Erinnerung gleich
steht der Mann immer noch da.
Aus dem Koreanischen von Hoo Nam Seelmann. Yun Dong-Ju ist einer der berühmten Dichter der Moderne in Korea. Mit nur 27 Jahren starb er im japanischen Gefängnis in Fukuoka und hinterliess einen kleinen Band von Gedichten. Er wurde verhaftet, weil er auf Koreanisch Gedichte geschrieben hatte.
Neue Zürcher Zeitung vom 08.11.2014, Seite 55:

02.11.2014
"Ach, Europa!" Ash ARMIN, Stadtforscher
interview WOJCIECH CZAJA
„Ach, Europa! Da ist nichts mehr zu erwarten“
der Standard: Wann haben Sie das letzte Mal Stadt genossen?
Amin: Heute in der Früh. Ich war spazieren im Park.
Was ist Stadt für Sie?
Amin: Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Ich lebe und unterrichte in Cambridge bei
Boston. Mitten auf dem Cambridge Square gibt es einen Typen, der den ganzen Tag
in einer öffentlichen Mülltonne sitzt und Gitarre spielt. Noch nie hat sich
irgendwer darüber mokiert. Die Boheme findet ihn cool, die Bourgeoisie duldet
ihn. Das ist für mich Stadt.
Gibt es denn einen Unterschied zwischen der Stadt der Bourgeoisie und der Stadt
der Boheme?
Amin: Natürlich neigt man dazu, zu glauben, dass die Bohemian City mehr
öffentliches Leben birgt als die Ville bourgeoise. Der Verstand sagt uns, dass
Berlin öffentlicher, lebendiger, vielfältiger ist als etwa Paris, dass das New
Yorker West Village eine höhere Lebensqualität bietet als die sehr
traditionelle, konservative Upper East Side. Und ja, das stimmt auch. Doch Fakt
ist auch, dass die Stadt der Boheme eine sehr egoistische, eine sehr
selbstsichere sein kann.
Inwiefern?
Amin: In der Stadt der Bohemiens werden öffentliche Freiräume von Künstlern in
Beschlag genommen, da wird Tag und Nacht musiziert, da wird gemalt und an die
Wand gesprüht. Die Stadt der Bohemiens ist schrill und laut – und bisweilen sehr
anstrengend. Wem das nicht gefällt, der ist weg vom Fenster, der ist
Außenseiter, der wird niemals in die Gemeinschaft aufgenommen. Das ist sehr
brutal.
Ist es nicht umgekehrt genauso? Trifft das nicht auf jede geschlossene
Gemeinschaft beziehungsweise Gesellschaft zu?
Amin: Nein. Die internationale Stadtforschung hat gezeigt, dass bourgeoise
Gesellschaften weniger anspruchsvoll, weniger ausschließend sind als die
sogenannten Bohemiens, wenngleich die Lebensmodelle des Bürgertums wie etwa
Güterbesitz, Grundstückseigentum, Reichtum und Einbettung in wirtschaftliche
Strukturen das Gegenteil vermuten lassen.
In welcher Gesellschaft fühlen Sie sich denn persönlich wohler?
Amin: Weder noch. Die Stadt, in der ich mich wohlfühle, ist eine durchmischte, in
der eine pluralistische Gesellschaft zu Hause ist. Ich bin ein Freund eines
gewissen Chaos, das jedem und niemandem zugleich gehört. Ich bin ein Freund
gewisser Reibungen und Auseinandersetzungen. Das ist es, was Qualität für mich
ausmacht.
(...)
>> Weiterlesen auf der Website „der standard“, 2. November 2014
Ash Amin ist Stadtforscher an der University of Cambridge. Er spricht über Lebensqualität im Chaos, über den Stillstand der europäischen Stadt und die bevorstehende „Verdrittweltung“ der westlichen City.
01.11.2014
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