15.09.2016

Vernichtende Kritik an Cameron

Bericht zu Libyen-Intervention
text: Christian WEISFLOG

 

Zwei Monate nach dem kritischen Chilcot-Bericht über Tony Blairs Irak-Feldzug kommt nun ein parlamentarisches Komitee zum Schluss, dass David Cameron in Libyen in ähnlicher Weise versagt hat. Die Fehler hätten dazu geführt, dass Libyen heute ein gescheiterter Staat am Rande eines vollständigen Bürgerkriegs sei, heisst es im Bericht.

Der mittlerweile abgetretene Premierminister Cameron hatte die Libyen-Intervention von 2011 im vergangenen Januar mit dem Schutz der revoltierenden Bevölkerung in Benghasi verteidigt: «Ghadhafi drohte, die eigenen Bürger wie Ratten zu erschiessen.» Einer der zentralen Kritikpunkte des jüngsten Berichts ist jedoch, dass sich die Intervention nicht auf ihr ursprüngliches Ziel – den Schutz der Bevölkerung in Benghasi – beschränkte. Dieses Ziel sei innerhalb von 24 Stunden erreicht worden, sagte David Richards, der ehemalige Chef des britischen Generalstabs, aus. Danach habe die Regierung aber entschieden, weiterzugehen und Ghadhafis Diktatur zu beenden: «Eine limitierte Intervention zum Schutz von Zivilisten wandelte sich in eine opportunistische Politik des Regimewechsels mit militärischen Mitteln.» Dieser Entscheid und die darauffolgende Strategie hätten auf falschen Annahmen und einem unvollständigen Verständnis der Fakten beruht, heisst es in dem Untersuchungsbericht. Der Charakter des libyschen Aufstandes sei nicht sauber analysiert worden. Aufgrund der Erfahrungen in Afghanistan und im Irak hätte die Regierung wissen müssen, dass islamistische Gruppierungen in Libyen von der Revolution profitieren könnten. Zudem habe die Regierung die effektive Bedrohung der Zivilbevölkerung durch das Ghadhafi-Regime nicht verifiziert: «Sie hat Elemente aus Ghadhafis Rhetorik selektiv für bare Münze genommen.» Auch für die Zeit nach dem Sturz des Ghadhafi-Regimes hatte die britische Regierung gemäss dem Bericht keine wirkliche Strategie: «Wir verfügten nicht über ein wirkliches Verständnis von Libyen und einen wirklichen Plan für die Konsequenzen.» Für dieses Fehlen einer kohärenten Strategie macht der Bericht David Cameron persönlich verantwortlich.
Das britische Aussenministerium indes versuchte am Mittwoch die Verantwortung auf die internationale Staatengemeinschaft abzuschieben. «Die Intervention war eine internationale Entscheidung, gefordert von der Arabischen Liga und autorisiert durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen», sagte ein Sprecher. Er verwies zudem darauf, dass Grossbritannien dieses Jahr der libyschen Einheitsregierung mit zehn Millionen Pfund helfe, die politische und wirtschaftliche Stabilität im Land wiederherzustellen. Der Untersuchungsbericht kommt indes zum Schluss, dass London bisher nur halb so viel Geld in den Wiederaufbau gesteckt hat wie in die Militärintervention.

 

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10.09.2016

GARTENFREUDEN#6

 

 

 

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10.09.2016

Rad der Zeit

 

 

 

03.09.2016

Bosco Verticale

interview: Michael HIERNER mit Stefano BOERI

 

Die et­wa 780 Bäu­me wach­sen auf dem Bo­sco Ver­ti­ca­le – dem ver­ti­ka­len Wald – in Mai­land. Die bei­den Wohn­hoch­häu­ser wur­den vom ita­lie­ni­schen Ar­chi­tek­ten Ste­fa­no Boe­ri ge­plant, der da­rin den Pro­to­typ für ei­ne bio­di­ver­se Ar­chi­tek­tur der Zu­kunft sieht.

 

Stan­dard: Zeigt der Bo­sco Ver­ti­ca­le die Zu­kunft der Ar­chi­tek­tur?

Boe­ri: Der Bo­sco Ver­ti­ca­le zeigt ein mög­li­ches Zu­kunftss­ze­na­rio. Nicht nur der Mensch wird in den dich­ten Städ­ten ver­ti­kal le­ben, son­dern auch die Bäu­me. Es wird ei­ne Sym­bio­se zwi­schen uns und den Pflan­zen ge­ben. Für mich ist die­se Ar­chi­tek­tur auch ein Ex­pe­ri­ment. Beim Bau muss­ten vie­le tech­ni­sche Pro­ble­me ge­löst wer­den, et­wa je­nes, wie man Bäu­me mit Dräh­ten ge­gen den Wind ab­si­chern kann. Die Ge­bäu­de zei­gen, was tech­nisch mach­bar ist und in wel­che Rich­tung es sich ent­wi­ckeln könn­te.

(...)

Stan­dard: Wel­che Wir­kung ha­ben die Bäu­me auf sie?

Boe­ri: Wir ha­ben ei­ne ganz be­son­de­re Wir­kung ent­deckt: Men­schen be­kom­men in Hoch­häus­ern manch­mal Hö­hen­angst und Schwin­del­ge­füh­le. Im Bo­sco Ver­ti­ca­le sind die­se Emp­fin­dun­gen aber für vie­le Be­trof­fe­ne wie weg­ge­bla­sen, weil die Bäu­me Sta­bi­li­tät und Si­cher­heit aus­strah­len.

Stan­dard: Ist der Bo­sco Ver­ti­ca­le Ihr er­stes Pro­jekt, bei dem Sie Na­tur mit Ar­chi­tek­tur ver­bun­den ha­ben?

Boe­ri: Ich ha­be das schon bei an­de­ren Pro­jek­ten ge­macht, je­doch nie in ei­nem so gro­ßen Maß­stab. Beim Bo­sco Ver­ti­ca­le ha­be ich ver­sucht, al­les auf die Spit­ze zu trei­ben, war re­gel­recht be­ses­sen von der Idee, mög­lichst gro­ße Bäu­me zu ver­wen­den. Ich glau­be, dass Bäu­me In­di­vi­du­en sind und je­der ei­ne ei­ge­ne Iden­ti­tät hat.

Stan­dard: Was hat Sie in­spi­riert?

Boe­ri: Mich hat ein Ro­man des ita­lie­ni­schen Schrift­stel­lers Ita­lo Cal­vi­no sehr be­ein­druckt. In sei­nem Buch Il bar­one ram­pan­te (Der Ba­ron auf den Bäu­men) geht es um ei­nen Mann, der ei­nes Ta­ges be­schließt, den Bo­den zu ver­las­sen, um auf Bäu­men zu le­ben. Ich er­in­ne­re mich auch an Jo­seph Beuys, der 1982 auf der Do­cu­men­ta in Kas­sel 7000 Ba­salt­stei­ne ver­kauf­te, für die er dann je­weils ei­ne Ei­che in der Stadt an­pflanz­te und so den Stadt­raum mit Bäu­men ver­än­der­te. Die stärk­ste In­spi­ra­ti­on kam aber von Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser, den ich 1973 bei der Trien­na­le in Mai­land sah, wo er mit ei­nem rie­si­gen Baum in der Hand durch die Stra­ßen ging.

(...)

 

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