Text MARION LÖHNDORF Fotos ARCHDAILY & IWAN BAAN
Artikel aus der "Neuen Zürcher Zeitung vom 08.06.2013, Seite 59.
EIN MÄRCHENHAUS AUS LUFT UND SCHATTEN
Einen Gartenpavillon als Märchenhaus des 21. Jahrhunderts baute Sou Fujimoto vor die Serpentine Gallery in den Kensington Gardens. Im Sonnenschein strahlt es als Wunderwerk an Transparenz, Geometrie und Poesie. Im Grunde ist der Bau des japanischen Architekten vor allem ein Gerüst aus weiss gestrichenen Eisenstangen, die zu Quadraten und Rechtecken zusammengesetzt wurden und am oberen Ende der Gesamtkonstruktion offen bleiben. Doch was auf den ersten Blick so klar und linear aussieht, verschwimmt beim Betrachten mit dem Effekt optischer Täuschungen eines Op-Art-Gemäldes. Die Geraden kommen in Bewegung, und etwas ganz anderes entsteht vor unseren Augen: ein Objekt im Zustand der Auflösung. Bei jeder kleinsten Standortveränderung des Betrachters ergeben sich perspektivische Verschiebungen mit dynamischer Wirkung. An manchen Stellen bieten übereinander gelagerte runde Polycarbonat-Scheiben Schutz vor allfälligem Regen; vereinzelt sorgen durchsichtige Glasplatten für Trittflächen. Hie und da ist ein Geländer angebracht - doch viele gibt es nicht davon. Wer auf dem Bauwerk umherspazieren will, sollte schwindelfrei sein und gute Augen haben, um zwischen Glas und Leerstelle unterscheiden zu können:
State of the Art
Das materiell Vorhandene - Plastic und Stahl - und das es umschliessende Nichtgreifbare - Licht, Luft und Schatten - gehen eine anstrengungslos scheinende Verbindung ein. Wie andere Architekten vor ihm spielt auch Fujimoto mit dem Gedanken der Vergänglichkeit: Denn die Pavillons der Londoner Serpentine Gallery besitzen den Charme des Flüchtigen. Sie sind nur einen Sommer lang zu sehen, bevor sie im Herbst wieder abgebaut werden. Dabei zeigen sie, was in der Architektur State of the Art ist. Rund 250 000 Besucher besuchen die Sommer-Pavillons jeweils. Dazu kommt eine Fülle von Bildern und Berichten, die um die Welt gehen.
Die Gestaltung dieser prestigeträchtigen Konstruktionen lädt zu Vergleichen mit den Vorgängern ein. So ist Fujimotos Gartenhaus weit entfernt von einem unterirdischen Zufluchtsort, den im vergangenen Jahr Herzog & de Meuron und Ai Weiwei geschaffen haben. Es ist auch kein Hortus conclusus wie Peter Zumthors eindrückliche Schöpfung vor zwei Jahren und nicht einmal von Ferne verwandt mit dem rot geschminkten Fanal, das Jean Nouvel zuvor auf den Rasen vor der Serpentine Gallery pflanzte. Stattdessen lässt sicheine Genealogie ablesen von Sanaa und von Toyo Ito, mit dem Fujimoto zusammenarbeitete und der ihn für den wichtigsten Architekten des 21. Jahrhunderts hält. Toyo Ito gilt als einflussreichstes Vorbild einer jüngeren Generation von in Tokio arbeitenden Architekten, die neue Ideen von Öffentlichkeit und Privatheit und die Aufhebung architekturaler Grenzziehungen - durch Mauern und Wände etwa - entwickelten.
Sou Fujimotos Pavillon radikalisiert die Idee offener, durchlässiger Strukturen. Er lockt nicht mit Verstecken, besitzt keine Wände und kennt kein Innen und Aussen. Natur und Kunst gehen ineinander über. Die Aussenwelt ist von innen, einer mit Stühlen und Tischen variabel bestückten Betonfläche, wahrnehmbar - die Bäume, der Rasen, das Gebäude und auch die aus mittlerer Distanz dröhnende, vielbefahrene Strasse. Aber man kann auch von aussen durch das Gebäude blicken. Es ist noch durchlässiger als ein Glashaus.
An dramatischen schwarzen Schattenflächen fehlt es, obwohl das Spiel mit den Schatten eines der schönsten Elemente der fragil erscheinenden, beim Betrachten und Betreten Schwindel erregenden Gitterkonstruktion ist. Das Netz der Schatten verdichtet sich an verschiedenen Stellen, an anderen weitet es sich. Wie zufällig beziehen sich die weissen Vierecke auf die Quadrate der Sprossenfenster des dahinter liegenden Galeriegebäudes, doch in Wirklichkeit ist hier nichts zufällig. Im Sonnenlicht korrespondiert das geometrische Gespinst aus Lichtreflexen mit dem Blätterschatten der umliegenden Bäume. Das Gebäude fusst auf einer Betonfläche, die von weissem Kies bis zu den linear verlaufenden Rasenkanten umgeben ist: Hier bricht sich der Schatten noch einmal ganz anders.
Der Architekt dieses Hauses aus Wind und Licht muss ein Optimist sein: An einem sonnigen Tag ist es hinreissend. Abends wird es von im Boden eingelassenen Leuchten bestrahlt. Wie aber mögen sich Besucher an konturlos bleigrauen Regentagen in Fujimotos Gehäuse fühlen? Das Konzept des Pavillons stellt kaum praktische Erfordernisse an eine architektonische Struktur, die sich in grösstmöglicher Freiheit entfalten kann. Nur die Besucher der Sommer-Events, ein paar einfache weisse Stühle, Tische und eine Cafébar von Fortnum and Mason müssen Platz darin finden. Und das ist ganz einfach.
Wolke aus Stahl
Die weisse Farbe des asymmetrisch konstruierten Gestänges lässt an eine Wolke denken, vor allem von weitem: So hat es der Architekt, nach eigenem Bekunden, beabsichtigt. Insgesamt ist der Bau, der bis Oktober zu sehen sein wird, trotz - oder vielleicht gerade wegen - seinen relativ gleichförmigen geometrischen Modulen offen für Assoziationen. Er schickt die Phantasie des Betrachters auf Reisen: Man kann sich an ein Baugerüst, ein Spalier, ein Gerät auf einem Kinderspielplatz, ein Treibhaus, eine architektonische Skizze oder ein digitales Netzgitter erinnert fühlen. Der Pavillon denkt Fujimotos Werke weiter, die in der Mehrzahl in Japan realisiert wurden: Sein Haus «NA» von 2011 ist vielflächig begehbar und setzt sich ebenfalls aus gleichartigen, offenen Modulen zusammen: Fujimoto selbst verglich es mit einem Baum, den ein Kind von Ast zu Ast erklettern kann,um jeweils eine neue Perspektive aufs Ganze einzunehmen. Sein «Tokyo Apartment» von 2010 scheint aus mehreren auf- und ineinander verschachtelten kleinen Häusern zusammengesetzt zu sein. Doch noch sind Dach und Wände in konventioneller Manier vorhanden. Sein «Children's Center for Psychiatric Rehabilitation» (2006) reiht ähnliche Einzelelemente noch in linearer Abfolge auf: Seine im Rückblick abzulesende Entwicklung zu immer grösserer Durchlässigkeit hat im Serpentine Pavilion ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden.
Der Serpentine Gallery Pavilion ist bis 20. Oktober geöffnet.