21.03.2015
Das Leben der Anderen
essay BARBARA FRISCHMUTH
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Jetzt ist er da, der Frühling. Höchste Zeit, um sich ein paar Gedanken über die Natur zu machen.
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Der Diskurs über den Anderen beschäftigt Philosophen, Soziologen, Anthropologen schon seit langem. Und trotz aller Beteuerungen, dass der Andere auch die Andere meint, fällt es mir meist schwer, eine weibliche Person vor Augen zu haben, wenn ich eine Abhandlung lese, in der über den Anderen nachgedacht wird. Und so bleibt auch der Andere, den wir in unserem Spiegelbild nicht erkennen wollen, obwohl er uns in so vielem gleicht, für mich männlich konnotiert. Vielleicht gerade, weil wir davon ausgehen, dass im Anderen immer noch mehr vom Gorilla lebt (wie der Gorillaforscher George B. Schaller es allen Menschen zuschreibt) als in uns selbst.
Die wirklich Anderen
Auch wenn es uns gelingt, den Anderen geschlechtsneutral zu sehen, ist erwiesen, dass Mensch und Tier mehr miteinander gemein haben, als uns gemeinhin lieb ist. Wenn wir also von den Tieren als den Anderen sprechen, geht es eher um verschiedene Entwicklungsstufen und Ausprägungen eines uralten Bauplans. Wenn wir aber vom Leben als solchem ausgehen, sind die Pflanzen die wirklich Anderen, unterscheidet sich doch ihr Bauplan in vielem radikal von dem der Tiere (uns eingeschlossen).
Pflanzen sind ebenso vielfältig, wahrnehmungsbegabt, entscheidungsmächtig und (das gilt für viele noch als umstrittene Erkenntnis) intelligent wie alle anderen Lebewesen, die es geschafft haben, auf dieser nicht immer wirtlichen Erde zu überleben. Nebenbei gesagt, ein paar hundert Millionen Jahre länger und wesentlich erfolgreicher als wir und die Tiere, machen sie doch je nach Hochrechnungsart 90 Prozent (Michael Pollan) bis 99,5 Prozent (Stefano Mancuso) der gesamten Biomasse aus. Um uns darunter etwas vorstellen zu können, erinnere man sich an all die Pflanzenreste, aus denen seit Jahrhunderten Kohle und Erdöl gewonnen werden. (...)