
31.10.2016
Diese seltsame, strahlende Welt
Sie hat auch prominente politische Fans – ein Gespräch mit der amerikanischen Schriftstellerin Marilynne Robinson
Interview: Thomas David
(...)
Welches sind die «einfachen Tugenden» des kleinstädtischen Amerika, von denen Barack Obama sagte, dass er sie an Ihrem Werk besonders schätze?
Ich selbst hätte diese Formulierung nicht verwendet. Ich habe an allen möglichen Orten gelebt und wurde überall anständig und freundlich behandelt – gleich, welcher Hautfarbe die Menschen waren oder welcher Religion sie angehörten. Ich kann keinen Unterschied zwischen den Tugenden von Dorf- oder Stadtbewohnern ausmachen. Was mich jedoch sehr interessiert und sich für manchen Leser meines Werks vielleicht als «einfache amerikanische Tugend» offenbart, ist die calvinistische Vorstellung, dass jede Begegnung mit einem anderen Menschen eine Begegnung mit Gott ist. Dass jeder Begegnung die Frage innewohnt, was Gott von diesem besonderen Moment verlangt. (...)

18.10.2016
Es müsste eine Quote für Arbeiterkinder geben
interview: Simon MOSER mit Michael HARTMANN
Gibt es eine globale Elite, die im Hintergrund die Fäden zieht? Natürlich nicht, sagt der Soziologe Michael Hartmann. Konzernchefs und Reiche hätten nur so viel Macht, wie ihnen die Gesellschaft zugesteht.
Standard: In Ihrem neuen Buch entzaubern Sie den Mythos einer internationalen Elite von Superreichen und Konzernlenkern, die den Lauf der Welt bestimmen. Worauf begründen Sie das?
Hartmann: Ich habe die Bildungs- und Karrierewege von Spitzenmanagern der 1000 größten Unternehmen der Welt und der 1000 reichsten Personen der Welt
analysiert. Die Ergebnisse sind eindeutig: Der Ausländeranteil bei Vorstandschefs beträgt zehn Prozent, bei Aufsichtsratsvorsitzenden noch weniger. Und von über 1000 Milliardären wohnen gerade einmal 19 im Ausland. Es ist zum Beispiel falsch, dass russische Milliardäre alle außerhalb Russlands wohnen, in teuren Immobilien in London und der Schweiz. Von den 45 reichsten Russen wohnen zwei dauerhaft im Ausland. Gerade dort gilt: Man muss in Moskau sein und Kontakt zur politischen Führung halten, weil man sonst sein Unternehmen nicht zusammenhalten kann. (...)
Standard: Welche politischen Maßnahmen empfehlen Sie?
Hartmann: Was man machen kann, hängt natürlich von der Größe des Landes ab. Aber selbst Österreich kann mehr machen, als man gemeinhin denkt. Weil die Eliten und auch die Unternehmen im Kern national sind, kann man den Drohungen, sie würden einfach weggehen, viel gelassener gegenüberstehen. Länder wie Deutschland können es machen wie die USA. Von über 300 US-Milliardären unter den 1000 reichsten Menschen der Welt leben ganze drei im Ausland, von 67 Deutschen aber 19, davon 14 in der Schweiz. Die US-Behörden sagen, es ist uns egal wo jemand lebt. Solange er unsere Staatsbürgerschaft hat, zahlt er unsere Steuern. Und wenn er in der Schweiz weniger zahlt, zahlt er den Differenzbetrag bei uns nach. Und wenn er dann die Staatsbürgerschaft abgibt, muss er eine Exitsteuer zahlen von mehr als 20 Prozent auf sein gesamtes Vermögen. Das verringert den Reiz, ins Ausland zu ziehen, natürlich deutlich. (...)
Michael Hartmann (64) war Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Zum Arbeitsschwerpunkt Elitenforschung hat er mehrere Bücher verfasst. Anlässlich des Erscheinens seines neuesten Werkes „Die globale Wirtschaftselite – eine Legende“ diskutiert Hartmann am 9. November um 19 Uhr an der Universität Salzburg (Kleine Bibliotheksaula, Hofstallgasse 4) mit Ö1-Redakteurin Renata Schmidtkunz und STANDARD - Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid.
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14.10.2016
Der Globalisierungsjubel hat Kosten
Der Welthandel, ein Segen, der allen nützt?
Ein Satz, der sicher stimmt – aber eben nicht in jenem Maße, in dem es die globalen Eliten den Arbeitnehmern angepriesen haben.
Kommentar der anderen Daniel GROS
Auf den Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Washington wird sich die globale Finanzelite mit Sicherheit einem neuerlichen Aufruf zur Umkehrung des Rückzugs von der Globalisierung ausgesetzt sehen. Der stockende Handel, so die Prämisse, müsse ein negativer Trend sein, dem es zu begegnen gelte. Doch diese Annahme ist bestenfalls eine grobe Vereinfachung.
Das Problem besteht in einem mangelnden Verständnis der Auslöser, die die Zunahme des Welthandels während der vergangenen Jahrzehnte bedingt haben. Natürlich hat es Bemühungen gegeben, den aktuellen Abschwung zu verstehen. Der neueste „World Economic Outlook“ des IWF widmet dieser Frage ein Kapitel.
Doch bisher wurden keine wesentlichen neuen Handelsbarrieren ausgemacht. Stattdessen, so der IWF, sei der Abschwung beim Wachstum des Handels zu drei Vierteln durch eine „allgemeine Schwäche der Wirtschaftsaktivität“ bedingt, insbesondere der Investitionstätigkeit. Der Fonds macht zudem geltend, dass „das sich verlangsamende Tempo der Handelsliberalisierung und die jüngste leichte Zunahme des Protektionismus“ eine Rolle gespielt hätten, auch wenn diese nicht quantifizierbar sei.
Selbst ohne klare Erkenntnis, was die aktuellen Trends antreibt, fordert der IWF Maßnahmen, um den „Tugendkreis aus Handel und Wachstum“ neu zu beleben. Das Vertrauen in den Handel ist eindeutig sehr stark ausgeprägt. Das ist Teil des Problems. Blindes Vertrauen in die Globalisierung hat viele dazu verleitet, deren Vorteile zu übertreiben, was Erwartungen an die Handelsliberalisierung geweckt hat, die diese nicht erfüllen konnte. Deshalb fühlten sich viele Menschen getäuscht und lehnten den Freihandel ab.
Das soll nicht heißen, dass es keine empirischen Argumente für die Liberalisierung des Handels gibt. Der Abbau von Handelsbarrieren versetzt Länder in die Lage, sich auf Sektoren zu spezialisieren, in denen sie besonders produktiv sind, was zu mehr Wachstum und einem höheren Lebensstandard für alle führt. Und tatsächlich brachte der Prozess des Abbaus der nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Handelsbarrieren von den 1950er- bis in die 1980er-Jahre wichtige Vorteile.
Doch diese Vorteile versickerten. Die Wirtschaftstheorie geht davon aus, dass sich die zusätzlichen Vorteile, die der Abbau von Handelsbarrieren bringt, verringern, je stärker diese Barrieren fallen. Daher sollte es nicht überraschen, dass sich mit Anfang der 1990er, als Zolltarife und andere Handelshemmnisse ein sehr niedriges Niveau erreicht hatten, die traditionellen Vorteile der Handelsliberalisierung weitgehend erschöpft hatten. Die Beseitigung der letzten verbleibenden Handelshemmnisse hätte keine großen Auswirkungen mehr gehabt.
Was eine Auswirkung hatte, war ein zwei Jahrzehnte lang anhaltender Boom bei den Rohstoffpreisen. Hohe Preise versetzten die wichtigen Rohstoffexporteure in die Lage, mehr zu importieren und zu Hause eine wachstumssteigernde Politik umzusetzen – ein Segen für das weltweite Wachstum. Zudem trieben die steigenden Preise, weil ein großer Anteil des Welthandels auf Rohstoffe entfällt, dessen Gesamtwert in die Höhe.
Statt die Rolle der Rohstoffpreise bei der Steigerung des Handels und des Wachstums zu Beginn des Jahrhunderts anzuerkennen, führten die meisten Ökonomen und Politiker diese positiven Trends auf Maßnahmen zur Handelsliberalisierung zurück. Dabei stützten sie die Vorstellung, dass eine „Hyperglobalisierung“ der Schlüssel zu Vorteilen für alle sei. (...)
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13.10.2016
WIE HILFE UNMÖGLICH WIRD
Flüchtlingsbürokratie: Wie Hilfe unmöglich wird
Unterstützung und Integrationsleistungen, die Private in diesem Land erbringen, quasi von Amts wegen zu unterbinden ist zynisch, feig und menschenverachtend. Ein Fallbeispiel aus Wien.
Kommentar der anderen Alfred J. NOLL
E s ist ein typischer Fall, und er ist völlig unspektakulär: Vater, Sohn und Tochter, der Rest einer syrisch-christlichen Familie aus Aleppo, sind seit Ende November 2015 in der Pfarre Erlöserkirche im 23. Wiener Bezirk gut untergebracht. Eine österreichische Familie hat sie aufgenommen, sorgt für sie.
Der Vater, er besaß eine Fabrik für T-Shirts, schafft es, seine Tochter (25) und seinen Sohn (13) über die Balkanroute nach Österreich zu bringen. Die Mutter bleibt, krankheitshalber, zurück. In Griechenland werden sie registriert, Kroatien und Slowenien schieben sie weiter.
In Österreich stellen sie Asylanträge. Ehrlich geben sie bei der Befragung an, wie sie zu uns gekommen sind. Ein klarer Dublin-III-Fall – Österreich hat nur zu prüfen, ob wir sie nach Kroatien oder Slowenien „ausschaffen“ können, nach Griechenland darf nicht zurückgeschickt werden. Man erkundigt sich in Slowenien und Kroatien, Slowenien lehnt die Zuständigkeit ab, Kroatien „verschweigt“ sich, und also ist Kroatien zuständig, weil es drei Monate ab Anfrage keine Rückmeldung gegeben hat. Das behördliche Tempo nimmt zu: Bescheidmäßig wird festgestellt, dass es zu keiner Integrationsverfestigung gekommen und dass die Familie abzuschieben sei.
Dagegen wird Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingebracht. Eine aufschiebende Wirkung hat dieses Rechtsmittel aber nur, wenn diese vom zuständigen Richter binnen acht Tagen gewährt wird. Er gewährt nicht – refugee-business as usual. (...)
Anfang Oktober steht die Polizei frühmorgens vor der Tür. (...)
Integrationsverdichtung
Hier bei uns sah die Sache anders aus: Alle drei Familienmitglieder waren eng in die Pfarrgemeinde integriert. Der Vater half beim Sortieren der Flohmarktartikel, die Tochter gab Flüchtlingskindern aus Syrien Nachhilfeunterricht – sie ist ausgebildete Englischdolmetscherin; der 13-jährige Sohn besuchte die dritte Klasse eines Gymnasiums im 23. Bezirk. Rasch entstanden Freundschaften. Die Pfarre unterstützte finanziell die Deutschkurse der Familie (als Nichtasylberechtigte hatten sie keinen Anspruch). Der Bub sprach durch seinen Besuch und die Integration in der Schule schon sehr gut Deutsch, die Tochter stand kurz vor der Ablegung der B1-Sprachprüfung. Der Bescheid sprach dennoch davon, dass es noch zu keiner „Integrationsverdichtung“ gekommen sei. (...)
Was ist das für eine Bürokratie, die den Österreicherinnen und Österreichern nicht zutraut, sich um Hilfesuchende zu kümmern? Welch unermessliche behördliche Ignoranz steckt hinter der „Ausschaffung“ von Menschen, die hier private Fürsorglichkeit, Anteilnahme und Hilfe schon gefunden haben – aber dennoch außer Landes geschafft werden? (...)
Alfred J. NOLL (Jahrgang 1960) ist Rechtsanwalt in Wien.
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08.10.2016
Jó étvágyat

08.10.2016
Perfektion ist absolut tödlich
Interview: Marion LÖHNDORF mit Edmund de WAAL
(...)
In «Die weisse Strasse» kommen Sie immer wieder auf den Begriff der Perfektion zurück.
De Waal: Eines der fabelhaften Dinge im Zusammenhang mit Porzellan ist, dass man Perfektion anstrebt, aber stets scheitert. Ich bin in Wirklichkeit nicht an Perfektion interessiert. Das ist eine Idee, die absolut tödlich ist. Ich interessiere mich für Vitalität, Wechsel und Wandlungsfähigkeit, die Beziehung zwischen einem lebenden Menschen und einem neutralen Material. Wenn die Idee der Perfektion funktioniert, treibt sie bestenfalls wissenschaftliche intellektuelle und ästhetische Fragen an. Schlimmstenfalls kann sie gefährlich sein. Sie ist nicht geradlinig, sondern ein schwieriges, gefährliches Konzept.
Was hat es mit der Farbe Weiss auf sich, die in Ihrer Arbeit als Töpfer und auch im neuen Buch eine so grosse Rolle spielt?
De Waal: Weiss ist eine Frage, ein Fragezeichen. Eine neue Möglichkeit, ein neuer Weg. Es kann auch negativ werden: verneinend, antiseptisch, es kann ein Problem werden, wie etwas, das ein Geschehen verhindert, das etwas anhalten kann, das etwas anderes übertüncht oder auslöscht – all diese Dinge. Aber für mich bedeutet es eine grosse Möglichkeit eines Beginns.
Weiss kann auch die Farbe der Trauer sein.
De Waal: Ja, denn Trauer ist eine extrem komplizierte Erfahrung. Es geht dabei um Verlust und ausschliesslich um Erinnerung. Manchmal ist Erinnerung nur schwer zugänglich. Und Bilder und Gedanken verschwinden in einem weissen Nebel.
Inzwischen machen Sie schwarze Gefässe.
De Waal: Ich benutze immer noch weisses Porzellan. Aber die Stücke werden zum Schluss schwarz glasiert. Dreierlei hat es damit auf sich. Schwarze Glasuren sind sehr giftig, bevor sie gebrannt sind. Der Prozess, toxisches Material zu benutzen, führt mich zur Alchemie. Mir gefällt, erstens, die Idee, dass dem bourgeoisen Porzellan diese Gefahr innewohnt. Zweitens erlaubt mir das Herstellen schwarzer Gefässe, mir Schatten ganz genau anzusehen. Jun'ichirō Tanizaki schrieb
darüber.
In «Lob des Schattens».
De Waal: Genau. Und drittens bezieht es sich auf Celans «schwarze Milch», das Gefühl, wenn ein Material durch Druck und Erinnerung in etwas anderes verwandelt wird. Wird es darüber ein neues Buch geben? Im Moment bin ich so glücklich, wie ich nur sein kann, und denke: keine Bücher mehr. Aber fragen Sie mich in fünf Jahren noch einmal.
Edmund de Waal: Die weisse Strasse. Auf den Spuren meiner Leidenschaft. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Zsolnay-Verlag, Wien 2016. 464 S.
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05.10.2016
Wozu wissen? Lieber googeln!
Ein Mausklick genügt, und die Welt ist auf unserem Bildschirm. Doch Fakten erklären nichts. Wir müssen sie zum Reden bringen. Dazu braucht es Wissen. Und das kann man nicht auf Festplatten speichern. Von Thomas Ribi
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Nur, ist das, was auf Festplatten und in Datenbanken gespeichert ist, wirklich Wissen? Die Frage stellt kaum jemand. Dabei ist sie zentral. Und die Antwort heisst: nein. Was in Computern verwahrt wird, ist nicht Wissen, sondern Information. Worte, Zahlen, Bilder. Eine unüberschaubare Flut von Daten. Damit daraus Wissen entsteht, müssen die Daten gesichtet, nach sinnvollen Kriterien geordnet, klug ausgewählt, gewichtet und interpretiert werden. So interpretiert werden, dass sie in einer sinnvollen Beziehung stehen zu den Problemen, die wir lösen wollen. Wissen ist mehr als eine Ansammlung von Daten. Und mehr als Information. Wissen heisst erkennen. Heisst, Informationen zu einer konsistenten Beschreibung der Realität verknüpfen. Dank Information finden wir uns in der Welt zurecht. Wissen hilft uns, die Welt zu verstehen.
(...)
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