JEAN-CLAUDEellen_derGETRÄUMTEduft_01_INSELverlag

30.06.2015

Der Geträumte Duft

text JEAN-CLAUDE ELLENA

(109) Widerstand
Es ist nicht der Markt, der den olfaktiven Ausdruck nivelliert, sondern das, was wir ihm bieten. Als ich das begriffen habe, bin ich nach und nach in Widerstand getreten. Ich kämpfe gegen eine „vereinheitlichte“ Parfümerie, die gefällig sein will, auf Leistung setzt und sich selbst normiert, kann sich nicht regenerieren und erneuern.
Kein Manifest, keine wortgewaltige Statements; ich suche für das Parfum eine gelassene  Präsenz. Für mich muss ein Parfum in die Nase flüstern, sich an das Intimste richten, sich mit dem Denken verbinden. Um es zu finden, ignoriere ich die Regeln des Marktes, umgehe das Dogma Feminin versus Maskulin. Ich habe nichts für die Bezeichnung „Unisex“ oder „gemischte“ Parfums übrig, die Anwendung definiert kein Genre. Ich biete Parfums an, die zu teilen sind, Parfum-Romane, Parfum-Novellen, Parfum-Gedichte.

 

(113,114) Stil
Da ich mich bemüht habe, den Stil meiner Kompositionen zu definieren, meine Art, ein Parfum zu schreiben, weiß ich, dass in einer allzu großen Treue mir selbst gegenüber eine Gefahr liegen kann. Die Wiederholung kann zur Stagnation, zu Stillstand, ja zur Karikatur führen. Wenn ich mich in einen bestimmten Ausdruck einschließe, setze ich mich dem Risiko aus, dass man nichts mehr von mir erwartet. Und wenn ich umgekehrt zu sehr auf die anderen höre, mich dem Einfluss der Tendenzen unterwerfe, fange ich an, mit dem „Zeitgeist“ zu schwimmen und meine Besonderheit zu verlieren. Es ist mir schon passiert, dass ich alles verkompliziert habe, wirre Formeln aufgestellt habe, um am Ende alles wegzuwerfen, zu vergessen und von vorne anzufangen, um mich wiederzufinden. Stets das Gleichgewicht eines Seiltänzers suchend, muss ich den anderen zuhören können, ohne blind auf sie zu hören. Wenn ich auch ein klares Bewusstsein habe von dem, was ich mache, so hege und pflege ich doch den Zweifel: Etwas Besseres, um Kreativ zu sein, kenne ich nicht.

 

„Der geträumte Duft, Aus dem Leben eines Parfumeurs“, Jean-Claude Ellena, aus dem Französischen von Lis Künzli, Insel-Verlag 2012

 

 

 

robert MISIK_alexis TSIPRAS © 2015 MISIK

24.06.2015

Inside Syriza

text ROBERT MISIK

 

(...)

„Sag, wollt ihr hier eigentlich den Sozialismus aufbauen?“, frage ich Haris irgendwann. „Ja“, sagt sie, schnell und entschieden, als wäre es völlig absurd, so etwas überhaupt zu bezweifeln. Auch Dimitris Tzanakopoulos, dem Kabinettschef, hatte ich diese Frage schon gestellt. Der antwortet etwas diplomatischer, dies „sei eine heikle Frage“, es gehe auch überhaupt nicht um Begriffe wie „Sozialismus“ oder „Sonstwas-ismus“. „Zunächst wollen wir die neoliberale, konservative Hegemonie in Europa brechen.“ Und dann sagt er lächelnd einen Satz, der lange in meinen Ohren klingen wird: „Die einzige Grenze ist der Himmel – the only limit is the sky!“

 

Es sind diese Momente, in denen ich mich bei dem Gedanken ertappe: „Sind die verrückt geworden?“ Leben in dem Land, das von einer Krise verheert ist, in dem Not und Elend endemisch geworden sind, stehen an der Schwelle zum Staatsbankrott, im Merkel-und-Schäuble-Europa – und glauben, der Sozialismus winkt um die nächste Ecke? Aber sofort schiebt sich in meinem Kopf eine andere Frage vor diese Frage: Was, wenn in Wirklichkeit wir verrückt geworden sind?

Wir, also die, die schon froh sind, das Schlimmste zu verhindern, wir, die wir Panik vor der kleinsten Veränderung haben, ja vor der kleinsten verwegenen Idee. Plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, wer spinnt: Die? Oder vielleicht wir?

(...)

 

>> Weiterlesen auf der Website "FALTER" Nr. 26/15

 

 

 

natural_resistance © 2015 stadtkinoWien

23.06.2015

Natural Resistance

interview CLAUS PHILIPP regisseur JOMATHAN NOSSITER

 

Heiter gegen die Unvernunft

(...)

NOSSITER: Egal ob im Kino, im Journalismus, oder woanders: Sich seine Unabhängigkeit zu bewahren ist immer schwieriger geworden und gemeinsam mit anderen Regisseuren arbeiten wir jetzt an einem Projekt, das wir offiziell im Laufe des Jahres vorstellen werden und das inspiriert ist durch das, was die Bioweinbauern gemeinsam in den letzten Jahren zustande gebracht haben.

Was haben diese Weinbauern bei Ihnen inspiriert?

NOSSITER: Die sogenannte Krise in Europa und Nordamerika ist lediglich ein Euphemismus, verbreitet von jenen, die in den letzten Jahren nichts verloren haben. Sie dient einzig und alleine dazu, den Schock abzumildern, den wir dieser neuen ökonomischen und sozialen Ordnung verdanken. Unter den Opfern befinden sich auch die authentischen, freien, traditionellen Handwerke, die immer mehr zerstört werden. Wie durch ein Wunder haben sich diese Weinbauern gefunden – Reiche und Arme, Rechte und Linke, Bürgerliche und Anarchisten – die zusammenhalten und damit überraschenderweise Erfolg haben. Ich habe mich viele Jahre gefragt, ob meine Kollegen aus der Filmwelt diesem Beispiel nicht hätten folgen sollen. In den letzten 10-15 Jahren haben diese Biobauern laufend die chemische Manipulation des konventionellen Weins aufgezeigt. Und tausende von neuen und alteingesessenen Bauern widmen ihr Leben der Herstellung von Wein und einer Landwirtschaft, die großen Respekt für die Geschichte und die Gesundheit des Ortes, in dem sie leben und arbeiten vermittelt. Sie missachten diesen bürokratischen, zynischen Kompromiss eines Zertifikats als „Biologischer Wein“, da die Regeln dafür sowohl in der EU als auch in den USA von der Pharmazie und Chemieindustrie diktiert werden. Diese Bioweinbauern hingegen kultivieren eine Methode, die schon 8000 Jahre lang wunderbar funktioniert hat. (…) Für mich ist Natural Resistance eine Liebes-erklärung an die Macht des Kinos und der Landwirtschaft als Akt des fröhlichen Widerstands.

(...)

 

>> Weiterlesen auf Stadtkino Zeitung 531

 

 

 

barozzi-veiga-stettin-philharmonie_SIMON_MENGES

15.06.2015

Mies van der Rohe Preis 2015

interview BRIGITTE KRAMER foto SIMON MENGES

 

Die Architekten Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga sind Träger des europäischen Mies-van-der-Rohe-Preises 2015. Ausgezeichnet wurde ihre Philharmonie im polnischen Stettin. In der Schweiz arbeiten sie derzeit an drei Projekten in Chur, Lausanne und Zürich.

 

(...)

Veiga: (...)Sagen wir es ganz ehrlich: Die Bauzeit war für uns eine sehr harte Geduldsprobe. An einem anderen Punkt unserer Karriere hätten wir das Ganze wohl abgebrochen.

Wieso haben Sie durchgehalten?

Veiga: Als uns klarwurde, worauf wir uns da eingelassen hatten, motivierten wir uns gegenseitig mit dem Satz: «Wie oft in unseren Leben werden wir noch eine Philharmonie bauen können?»

Wie konnten Sie die Unterschiede überwinden?

Barozzi: Wir nähern uns immer auf dieselbe Weise einem Ort: Erst wollen wir ihn verstehen, dann ein Gefühl für ihn entwickeln und schliesslich all das in unsere Arbeitsweise übersetzen. Wir suchen immer das Spezifische. Stettin forderte von uns Kraft und Ausdruck, dort fehlte alles. (...)

Wie ist es für Sie, in der Schweiz zu bauen, auch im Vergleich mit Polen?

Veiga: (...) Generell kann man aber sagen, wenn man das Bauen in der Schweiz mit jenem in Polen vergleicht, dann ist es in Polen wie Segeln auf offener See ohne Kompass. Man weiss nie, ob man im Hafen ankommt. Bauen in der Schweiz hingegen ist wie Segeln mit GPS. Generell weist man in der Schweiz der Architektur grosse Bedeutung zu. Die Diskussionen sind wichtig, die Beteiligten kompetent und die Bauten makellos. Alles funktioniert auf sehr hohem Niveau.

Fühlen Sie sich in der Schweiz unter Druck?

Veiga: Nicht mehr als anderswo, generell haben spanische Architekten im Ausland einen guten Ruf. Wenn man in der Schweiz etwas verbessern sollte, dann vielleicht die exzessive Standardisierung der Prozesse. Etwas, wofür es kein Protokoll gibt, ist nicht möglich. Manchmal scheint es, Bauen in der Schweiz sei nur noch das Zusammenfügen vorgegebener Elemente. Der Weg ist klar und deutlich, aber davon abkommen darf man nicht. Massgeschneiderte Bauwerke, wie man sie in Portugal oder Spanien noch bauen kann, sind fast unmöglich. Die Stettiner Philharmonie hätten wir in der Schweiz so nicht bauen können. Dazu kommt die Vernachlässigung des öffentlichen Raums. Schweizer Städte sind voll grossartiger Gebäude, die isoliert nebeneinander dastehen. Das wollen wir bei unseren drei Projekten vermeiden.

(...)

 

 

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