19.04.2020
Virtuelle Teams performen schlechter
Jetzt, wo wir uns nur noch online begegnen, ist es hilfreich, sich an Forschungs-Ergebnisse zu erinnern, die schon etwas länger zurück liegen. Daher hier ein Artikel aus dem "Leadership-Standard" vom August 2018.
Forschung
Teams, die nur online kommunizieren, zeigen schlechtere Leistung
Kollegen, die sich nur online austauschen können, schneiden nachweislich schlechter ab. Managementprofessor Thomas Schneidhofer hat untersucht, warum.
text | Lisa BREIT
Läuft der Kontakt ausschließlich online, sind Teams nachweislich weniger erfolgreich.
Längst arbeiten Teams nicht mehr notwendigerweise an einem Ort zusammen, sondern sind auf mehrere Städte, Länder oder gar Kontinente verteilt. Führungskräfte stellt das naturgemäß vor Herausforderungen. Dass virtuelle Team schlechter performen als solche, die persönlichen Kontakt haben, konnte Thomas Schneidhofer nachweisen. Der Professor für Personalmanagement & Organisation an der Privatuniversität Schloss Seeburg versuchte herauszufinden, woran genau es hakt.
Zum Einsatz kam die "Everest Leadership and Team Simulation", eine in Harvard entwickelte Computersimulation. Die Probanden werden in Teams eingeteilt, bekommen Rollen zugewiesen. Ziel ist es, gemeinsam den Mount Everest zu besteigen. "Auf jeder Etappe sind Entscheidungen zu treffen", erklärt Schneidhofer. Er führt die Tests gemeinsam mit Kollegen seit 2012 durch, zunächst an der Wirtschaftsuni Wien und später an der Privatuniversität Schloss Seeburg. Bisher haben insgesamt knapp 740 Studierende daran teilgenommen.
Ein Teil der Gruppen konnte sich persönlich abstimmen, der andere nur online, etwa über Skype oder Whatsapp, kommunizieren. Wie sich zeigte, schneidet Ersterer deutlich besser ab.
Körpersprache und verbale Nuancen
Der Grund ist laut Schneidhofer die sogenannte psychologische Sicherheitsüberzeugung: "Jeder und jede in der Gruppe hat das Gefühl, seine Meinung frei äußern zu können, ohne die Befürchtung, zurechtgestutzt zu werden." Dieses Gefühl könne in Teams, die face-to-face miteinander arbeiten, leichter vermittelt werden, etwa durch Körpersprache "oder durch verbale Nuancen".
Bei virtuellen Teams funktionieren sie naturgemäß weniger gut. Die Folge: Die psychologische Sicherheitsüberzeugung sinkt – und dadurch die Leistung der Gruppe, denn: "Man traut sich nicht zu sagen, wenn etwas nicht stimmt." Auch interessant: Je mehr Kommunikationskanäle genutzt wurden, desto schlechter schnitten die Gruppen ab. "Meine Vermutung ist, dass es viele unrund macht, dass Kollegen hinter ihrem Rücken miteinander reden könnten", sagt Schneidhofer.
Zuhören, nicht sofort bewerten
Aufbauen lasse sich die psychologische Sicherheitsüberzeugung aber auch im Onlinekontakt – durch inklusive Führung. "Wichtig ist, jeden Einzelnen und jede Einzelne individuell anzusprechen." Besonders jene, die sich seltener einbringen. Führungskräfte sollten eine Art Moderationsrolle einnehmen.
Essenziell sei zudem, allen in der Gruppe zu vermitteln: "Wir brauchen dich." Es gelte, Vorschläge anzuhören, ohne sie sofort zu bewerten. Ziel ist, dass sich die Teammitglieder aufgehoben fühlen und wissen, "dass sie ihre Meinung sagen können ohne negative Konsequenzen". (Lisa Breit, 30.8.2018)

19.04.2020
Interview Virologin Karin Mölling
NZZ
Interview | ANNA SCHNEIDER
Frau Mölling, wie erleben Sie als Expertin für dieses Thema die Quarantäne?
Mir geht es gut. Ich schreibe ununterbrochen, weil ich momentan an meinem nächsten Buch arbeite. Es beschäftigt sich mit multiresistenten Keimen und damit, was Viren dagegen tun können. Bald bin ich fertig, die Quarantäne dauert ja schon lange.
Die Quarantäne macht Ihnen also nichts aus?
Mein Leben war auch davor schon sehr von Home-Office geprägt. Natürlich kann ich gerade – wie jeder – nicht verreisen, dabei müsste ich längst einmal wieder nach Zürich. Also ja, natürlich ist es auch für mich eine Einschränkung, aber es ist kein Problem. Ich bekomme viele Anrufe, auch von erkrankten Personen.
(...)
Im Allgemeinen werden Viren als Krankmacher definiert und ihr Verhalten mit Kriegsvokabular beschrieben. Sie halten in Ihrem Buch «Supermacht des Lebens – Reisen in die erstaunliche Welt der Viren», das 2014 erschienen ist, dagegen. Weshalb?
Viren gehören zu unserem Ökosystem, zu unserem Leben, zu unserer Umwelt, zu unserer Verdauung. Rund 50 Prozent des menschlichen Erbguts stammt von Viren! Sie sind allgegenwärtig und wahnsinnig viele – es gibt 10 hoch 33 Viruspartikel auf diesem Planeten. Viren stehen ganz am Anfang der Evolution, sie sind die Treiber der Evolution, nicht primär Krankmacher. Sie führen nur dann zu Krankheiten, wenn sich in der Umwelt etwas verändert und die Viren dadurch die Chance bekommen, diese Veränderung zu nutzen. Sie können also krank machen, aber daran trägt der Mensch sehr oft eine grosse Portion Schuld.
Das müssen Sie erklären.
Ich sage nicht gerne «Schuld» oder «Krieg», diese Vokabeln passen nicht zur Beschreibung der Evolution oder der Viren. Viren sind Opportunisten: Sie nutzen Situationen und Chancen aus. Auf dem Markt in Wuhan gab es vielleicht keinen anderen Wirt als den Menschen, auf den das Virus übergehen konnte. Das ist eine rein opportunistische Verhaltensweise. Vielleicht zahlen wir nun einen hohen Preis für die Errungenschaften, die wir so schön finden: Städte mit grosser Bevölkerungsdichte wie New York, aber auch Reisen. Beides bietet den Viren kurze Wege an, diese Gelegenheit lassen sie sich nicht entgehen. So breiten sie sich aus. Niemand ist schuld daran, dass sie das machen. Das Coronavirus ist ausserdem von ungeheurer Fitness. Unsere Hoffnung kann sein, dass sich diese Fitness zurückentwickelt. Vielleicht verschwindet dann das Virus. Jedenfalls wissen wir bis heute nicht, wo das Sars-Corona-Virus aus dem Jahr 2003 geblieben ist.
Verfallen wir im Umgang mit dem Coronavirus in Panik?
Ich habe mich vor ein paar Wochen zu dieser Frage geäussert, aufgrund der zu jenem Zeitpunkt vorhandenen Informationen. Da habe ich die jetzige Pandemie mit der Influenza des Jahres 2018 verglichen – in jenem Jahr sind in Deutschland 25 000 Menschen an der Grippe gestorben, und niemand hat darüber gesprochen. Ich habe mich gewundert, warum das so ist. Inzwischen kann ich es mir erklären: Das Endstadium ist anders. Die Menschen, die 2018 an der Influenza erkrankt und gestorben sind, brauchten keine Beatmungsgeräte. Bei der Influenza 2018 haben die Krankenhausbetten gereicht, das war kein Thema in der Presse, es gab auch keinen Shutdown der Ökonomie. Die Corona-Berichte aus Italien lösten hierzulande Panik aus. Daran wird hochgerechnet, wie schlimm es noch werden könnte, darauf müsse man unbedingt vorbereitet sein. Wir kommen bis jetzt sehr glimpflich davon. Durch meine Äusserung, dass Panikmache ein Problem sei, wollte ich die drohende Ausgangssperre verhindern. Denn dafür gab es in China ganz andere Gründe als in den europäischen Städten. Dazu zählt die hohe Bevölkerungsdichte und die Luftverschmutzung. Es gibt einen «Peking-Husten», alle husten dort, und das ist ein Risikofaktor für Chinesen. Vielleicht war auch die schmutzige Luft in der Lombardei ursächlich für die vielen schweren Verläufe. Dort war vielleicht auch noch ein Fussballspiel ein explosionsartiger Auslöser.
Empfinden Sie die momentan geltenden Beschränkungen als legitim, oder hätte man auch anders reagieren können?
Die Entscheidung, die für Deutschland getroffen wurde, war bezüglich der Ausgangssperre nicht so streng, wie ich befürchtet hatte. Wir haben eine Kontaktsperre. Mein Motto lautet: Die Sonne tötet und die Luft verdünnt das Virus. Die Sonne enthält ultraviolettes Licht, das zerstört Viren. Darum machen auch wir nachts im Labor UV-Lampen an. Diese wären auch sonst vielleicht ganz praktisch: UV-Licht steigert die Immunität. Und drinnen ist die Virusmenge viel grösser als draussen, auch in Supermärkten, wo man die Luft nur umwälzt. Wofür ich deshalb seit Monaten und Wochen plädiere, ist der Mundschutz: Wir tragen ihn schliesslich auch im Labor, Zahnärzte auch. Es wurden ja beinahe Glaubenskriege um den Mundschutz geführt. Dabei gab es wohl nur nicht genug. «Selber nähen», haben sich dann viele Leute gesagt. Denn die Tröpfcheninfektion ist nun mal die vorherrschende Übertragungsart dieses Virus. Jede Maske hilft da mehr als keine.
(...).
Noch sind wir von einer Herdenimmunität weit entfernt. Ist sie nur durch kontrollierte Durchseuchung erreichbar?
Wieso denn «kontrolliert» – nein! Der Begriff der Herdenimmunität wird sehr oft missverstanden. Eine Durchseuchung ordnet man nicht an und kontrolliert sie nicht. Die Idee ist, dass sich die Menschen untereinander immunisieren, unabsichtlich. Manche, besonders junge Leute, die ja auch weniger erkranken, sind mutiger als andere und setzen sich dem Risiko vielleicht eher aus – das können sie selbst entscheiden. Es geht also nicht um Zwang. Dabei bleiben die Gebote des Abstandhaltens und der Kontaktsperre aufrecht, uralte seuchenhygienische Massnahmen. Alte Menschen und jene, die multifaktoriell belastet sind, sollten zu Hause bleiben.
(...)

14.04.2020
Corona und die Werte
Warum es um viel mehr geht als nur um eine gesundheitliche Krise
text | Martin BLOMS
Die Corona-Epidemie könnte sich zur schwersten globalen Krise ausweiten, die die Welt seit Jahrzehnten gesehen hat. Dies liegt aber nicht nur – und noch nicht einmal zuerst – an der medizinisch-biologischen Dimension des Geschehens, so ernst diese auch zweifellos zu bewerten ist. Diese gesundheitlichen Folgen des Geschehens sind, wenn auch mit erheblichen Anstrengungen, letztlich in den Griff zu bekommen. Die viel grössere und nachhaltigere Gefahr geht aus von den gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und nicht zuletzt moralischen Sekundäreffekten des Geschehens, die sich im schlimmsten Fall von dem Fortgang der eigentlichen Seuche entkoppeln könnten. Sie könnten auch dann noch virulent bleiben, wenn das biologische Virus einmal medizinisch im Griff ist.
Denn die Corona-Epidemie trifft – gerade in den westlich-liberalen Gesellschaften – auf einen moralisch und politisch schwer vorerkrankten Patienten, der bereits vorher an allen Symptomen litt, die die gegenwärtige Epidemie nun exponentiell hervortreibt: einem hohen Mass an Orientierungslosigkeit und Verunsicherung, gepaart mit Vertrauensverlust gegenüber etablierten politischen und wirtschaftlichen Strukturen; einem durchgreifenden Hang zur Dystopie, dem der Zukunftshorizont in immer düstereren Farben erscheint und der den klassischen Fortschrittsoptimismus des liberalen Weltverständnisses freiheitsbedrohlich in sein Gegenteil verkehrt; einer Erosion des Konzepts objektiver Wahrheit, die noch den letzten festen Boden allgemein anerkannter Tatsachen ins Wanken gebracht hat.
All diese ideellen Entwicklungen fokussieren sich in der Corona-Krise – angefeuert vom Brandbeschleuniger eines zunehmenden wirtschaftlichen Drucks – wie in einem Brennglas: Das Virus erscheint geradezu als objektivierte biologische Verkörperung einer viel allgemeineren ideellen Krise, die nun ihren gestalthaften Exponenten gefunden hat. Es steht viel mehr auf dem Spiel als die allein schon herausfordernde Aufgabe der gesundheitlichen Bekämpfung einer globalen biologischen Epidemie. Die Corona-Krise zeigt die hohe Anfälligkeit global vernetzter Systeme – aber auch die Notwendigkeit einer solidarischen Zusammenarbeit und des Austauschs auf internationaler und innergesellschaftlicher Ebene.
Jetzt muss sich zeigen, ob das für die Architektur der liberalen Systeme schon immer sensible Verhältnis zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohlverantwortung, das in letzter Zeit immer mehr in Richtung der Vereinzelung, Isolierung und Abschottung umgekippt ist, noch tragfähig ausgelotet ist. Denn die Corona-Krise wird sich nur bewältigen lassen auf dem Boden eines Werteverständnisses, das das Eigeninteresse gerade dadurch befördert sieht, dass es sich am Gemeininteresse orientiert und darin aufgehoben ist: eine Wertevorstellung, die ursprünglich sowohl der liberalen Marktordnung als auch dem politischen und gesellschaftlichen Liberalismus als Ausdrucksformen eines umfassenden Humanismus eingeschrieben war. (...)