
19.01.2015
Alles ist nachhaltig – oder doch nicht?
Text JENNI ROTH foto 19.1.2015
Alles ist «nachhaltig»; die Pizza, die Firmenphilosophie, selbst die Geldanlage. Und diesen Anspruch erhebt ausgerechnet eine Konsumgesellschaft, die rücksichtslos im Überfluss badet.
Gleich am Morgen geht's los: Das Shampoo entfernt Schuppen «nachhaltig». Den Kaffee trinkt man dann mit seinem Partner, dem man in einer «nachhaltigen Lebensgemeinschaft» verbunden ist. Dann fährt man zur Arbeit in seine Firma, die für eine «nachhaltige Unternehmensphilosophie» steht, und kümmert sich in der Mittagspause um sein «nachhaltig» angelegtes Geld. Auf der Heimfahrt schliesslich hört man im Radio eine Sendung über die «Nachhaltigkeit des Kulturerbes», bevor man sich, wieder zu Hause, eine Thunfischpizza in den Ofen schiebt. Aus – laut Verpackung – «nachhaltiger Erzeugung», versteht sich.
Kann das sein?
Offenbar gibt es nichts, was heute – zumindest dem Namen nach – nicht nachhaltig ist. Selbst ein im Aussterben begriffener Fisch wird nachhaltig gefangen. Kann das alles sein?
Dass die Nachhaltigkeit sich in allen Lebensbereichen eingenistet hat, ist ein neues Phänomen. Ziemlich alt hingegen ist der Begriff an sich, im vergangenen Jahr hat er seinen 300. Geburtstag gefeiert. Und der Sprachwissenschafter Jochen Bär von der Universität Vechta weist darauf hin, dass es auch bei Goethe in «Wilhelm Meisters Lehrjahren» heisst: «Wilhelm [. . .] schien nunmehr zum erstenmal zu merken, dass er äusserer Hülfsmittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken.»
Doch der Begriff kommt eben nicht von Goethe, sondern aus dem Wald: Im 17. Jahrhundert ging – wegen Übernutzung – das Gespenst der Holznot um. In den frühindustriellen Zentren des alten Europa, aber auch im noch hermetisch abgeschlossenen Japan. Aus Angst vor einem Kollaps von Land und Wirtschaft forderte 1713 der leitende Beamte des kursächsischen Silberbergbaus, Carlowitz, die «nachhaltende Nutzung» der Wälder. Wobei die Idee an sich viel älter sei, sagt Ulrich Grober, Kulturwissenschafter und Autor von «Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs»: Die Walfänger auf Kamtschatka etwa hätten schon immer ihre Schonzeiten strikt eingehalten, und die Erbauer der chinesischen Reisterrassen über Tausende von Jahren die Fruchtbarkeit der Böden gesichert. «Nachhaltigkeit als Kind der Krise und als Gegenbegriff zu Kollaps – das finde ich heute wieder höchst aktuell», sagt Grober. (...)
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19.01.2015
Nachhaltigkeit als positives Tabu
Interview: Jenni Roth
Der Philosoph Norbert Bolz erklärt, wie aus dem Begriff «Nachhaltigkeit» ein quasireligiöses Heilsversprechen geworden ist
Herr Bolz, Sie sind bekannt dafür, in gesellschaftlichen Diskursen gern einmal Contra zu geben. Was halten Sie vom zeitgeistigen Begriff der Nachhaltigkeit? Ein ökologischer Fundamentalismus?
Wenn Nachhaltigkeit als ökologischer Fundamentalismus benutzt würde, wäre das ja sinnvoll. Aber auch nur dann – etwa im ursprünglichen Sinn der Forstwirtschaft. Aber so, wie der Begriff heute verwendet wird, halte ich ihn für gewaltigen Unsinn. Er wird inflationär über alle möglichen gesellschaftlichen Zusammenhänge gestülpt und in den absurdesten Kombinationen benutzt, um zu signalisieren: «Ich bin ein guter Mensch.» Es gibt kaum mehr einen gesellschaftlichen Bereich, der nicht «nachhaltig» ist, der Begriff hat auch Eingang gefunden in die Unternehmensphilosophien, das ist absurd.
Wie erklären Sie sich diesen Siegeszug?
Er klingt – gemäss seinen forstwirtschaftlichen Ursprüngen – ungemein beruhigend: Es wächst was nach, alles ist balanciert. Aber die Balancemodelle der älteren ökologischen Bewegungen funktionieren nicht. Die Grünen brauchten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein neues Thema – und das war mit der Natur schnell gefunden. Aber der Grundgedanke der Grünen von einer Balance zwischen Gesellschaft und Umwelt im Sinne von Natur ist unvereinbar mit der Theorie komplexer Systeme. (...)

03.01.2015
DIE MITTELLOSEN von Szilárd Borbély
Die Einsamkeit der Primzahlen
Neue Zürcher Zeitung vom 03.01.2015, Seite 53:
In der tiefen Provinz des Menschlichen – Szilárd Borbélys Kindheitserinnerungen «Die Mittellosen».
Von Andreas Breitenstein
Wollte man das kleine ungarische Dorf, in dem Szilárd Borbélys zum Roman gestaltete autobiografische Kindheitserinnerungen «Die Mittellosen» spielen, als Dystopie erfinden – man müsste über eine Einbildungskraft von desperater Düsternis verfügen. Es ist eine Welt ohne Würde und ohne Erbarmen, ohne Herkunft und Zukunft, ohne Glauben, Liebe und Hoffnung. Alles, was einem Erdenbürger an Sicherheit in die Wiege gelegt wird, steht in dieser tiefen Provinz des Menschlichen zur Disposition. Armut herrscht und schlechte Laune, die gängige Sprache ist jene des Schweigens. Verloren sind die Seelen und verroht die Einwohner; über die Tiere, mit denen sie in grobschlächtiger Symbiose leben, sind sie zwar Herr, doch was sie über diese erhebt, ist vor allem der Alkohol, die Gemeinheit und die Gewalt. Es gilt das Gesetz der Hackordnung, und so sieht jeder zu, dass er einen noch Niedereren findet als sich. Was hingegen alle eint, ist der Hass jenen gegenüber, die nicht im Raster des beschädigten Lebens aufgehen. (...)
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