text ALEIDA ASSMANN foto IMRE BELLON

 

In Budapest gibt es Widerstand gegen ein neues Denkmal, das mit dem Erinnern das Vergessen betreibt. Von Aleida Assmann

In Ungarn herrscht ein Krieg der Erinnerungen. Es gibt zurzeit kein anderes Land in Europa, in dem die Vergangenheitsbilder so radikal aufeinanderprallen. In Budapest wird derzeit um ein mittels Generalisierung Verharmlosung betreibendes Denkmal zum Einmarsch deutscher Truppen 1944 gestritten.

Es gibt in Budapest schon seit längerem eine Reihe von Denkmälern und Zeichen, die an die Ermordung der ungarischen Juden während des Zweiten Weltkriegs erinnern, so etwa das Denkmal der Schuhe am Donauufer, das 2005 von den Künstlern und Filmemachern Gyulas Pauer und Can Togay geschaffen wurde, oder die Trauerweide aus Metall, genannt: «Der Baum des Lebens» des Künstlers Imre Varga vor der Grossen Synagoge.

Ein neues Kapitel in der Denkmalgeschichte der Hauptstadt hat mit dem Staatsdenkmal begonnen, das am Platz der Freiheit in der Nacht auf den 20. Juli 2014 aufgestellt wurde. Es kam vier Monate zu spät, denn es sollte eigentlich am 19. März, siebzig Jahre nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Ungarn, bereit sein. Dieser Zeitplan scheiterte, weil schon im Vorfeld der Denkmalsetzung Widerstand aufkam und juristische Nachfragen abgeklärt werden mussten.

Am Freiheitsplatz war nicht mehr viel Platz für ein weiteres Denkmal. Von zwei Seiten ist er mit stattlichen Gebäuden gesäumt, an einer weiteren Seite steht das sowjetische Befreiungsdenkmal, und auf der Grünfläche befindet sich die gläserne Überdachung einer Tiefgarage. An der letzten freien Seite steht nun das Okkupationsdenkmal, das von einer Konstruktion abgebrochener Säulen gerahmt ist, wie man sie als Standardsymbol für Trauer von europäischen Friedhöfen kennt.

 

>> Weiterlesen auf der Website „Neue Züricher Zeitung“, Neue Zürcher Zeitung vom 18.12.2014, Seite 45