text SAMUEL HERZIG

 

Auch wenn sie auf keiner Karte Chinas zu finden ist, so ist doch klar, dass es eine Stadt namens Sichuan geben muss. Sichuan ist eine Stadt, in der man mit der Eisenbahn ankommt – nicht mit irgendeiner Eisenbahn allerdings: Es sind lackschwarz glitzernde Waggons, die von einer dunkelorangen Dampflok ganz langsam in den Bahnhof gezogen werden. Es ist Nacht, und der Bahnsteig gleicht einem gelblichen Fluss, durch den die Schatten grosser Fische huschen.

Wir treten aus der Bahnhofshalle und stehen oben an einer leicht abschüssigen Strasse, über der eine dichte Wand aus Dunst hängt, in der sich die Äste mächtiger Bäume in einem leichten Sommerwind hin und her bewegen: die Hauptstrasse von Sichuan. Die Strasse ist kaum beleuchtet, doch stehen in unregelmässigen Abständen kleine Buden an ihrem Rand, von deren Küchen ein flackerndes Licht ausgeht. An allen Herden wird leise, aber tüchtig gekocht, und es sind die ganzen Töpfe und Pfannen, die den Dunst über der Strasse produzieren. Hinter diesen Buden glänzen die dunkelfarbig bemalten Holz-Fassaden grosser Restaurants, an einigen sind Girlanden aus papierenen Lampions befestigt. Die Speisesäle gleichen Terrassen und sind zur Strasse hin offen. Geschickt tragen Kellner Tabletts mit feucht schimmernden Köstlichkeiten zwischen den Gästen hindurch, die sich mit leiser Stimme unterhalten.

Man fragt sich, ob die Stadt wohl jenseits dieser einen Strasse weitergeht, ja ob es überhaupt etwas ausserhalb dieser Strasse gibt. Autos sind keine zu sehen. Nur Fahrradfahrer huschen dann und wann wackelnd durchs Dekor: Sie tauchen plötzlich zwischen den Bäumen auf, um kurz darauf wieder im Dunkeln zu verschwinden. Ab und zu kommt es vor, dass einer klingelt – doch es ist ein ganz leises Klingeln, wie ein ferner Gong. Das einzig Laute hier ist der Duft von frisch geröstetem Sichuanpfeffer – als hätte man ein ebenso teures wie geheimnisvolles Holz verbrannt. Es ist dieser Duft, der die Stadt Sichuan hervorbringt und ihr einen festen Platz zuweist auf der grossen Weltkarte der Aromen.

 

Neue Zürcher Zeitung vom 13.09.2014, Seite 51- MunDstücke