text GOTTFRIED HÖFFE

Nur ein regenerationsfähiger Liberalismus erweist sich als zukunftstauglich.

 

In der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts vorgeprägt, wird der Liberalismus im 19. Jahrhundert zum entscheidenden Herold und Vorkämpfer für eine freiheitliche Wirtschaftsordnung (Wirtschaftsliberalismus), für eine zunehmend offene Gesellschaft (Gesellschaftsliberalismus) und für einen demokratischen Verfassungsstaat bzw. eine konstitutionelle Demokratie (politischer Liberalismus). Als aufgeklärten Liberalismus bezeichne ich hier eine Grossfamilie von Theorien und Programmen, die sich durch drei Kernelemente der Aufklärung auszeichnen.

Ein aufgeklärter Liberalismus ist erstens gegen jede ideologische und autoritäre, dabei wirklichkeitsresistente Politik allergisch; stattdessen vertraut er lieber auf die Erfahrung. Diese beginnt mit einer anthropologischen Erfahrung: dass sich der Mensch durch die Doppelnatur von Kooperation und Konflikt auszeichnet. Einerseits ist er auf ein vielfältiges Zusammenwirken angewiesen. Es beginnt mit der wechselseitigen Hilfe und reicht über die Arbeitserleichterung durch Arbeitsteilung und Spezialisierung bis zur gegenseitigen Anerkennung, selbst Liebe und Freundschaft. Andererseits herrschen schon deshalb Konkurrenz und Konflikt, weil weder ökonomische Dinge wie Güter und Dienstleistungen noch ausserökonomische wie Anerkennung und die freundschaftliche Zuwendung in paradiesischer Überfülle existieren. Hinzu kommt, dass die Menschen sich voreinander auszeichnen wollen, dass nicht zuletzt Neid und Eifersucht drohen. (…)

 

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