Yun Dong-Ju (1917–1944)

 

Allein gehe ich um den Berg

zum Brunnen am Ackerrand.

Still blicke ich hinein.

Darin leuchtet hell der Mond,

Wolken ziehen dahin,

Der Himmel liegt ausgebreitet,

blauer Wind weht,

und der Herbst weilt dort,

ebenso ein Mann.

Irgendwie mag ich ihn nicht

und wende mich ab.

Als ich so fortgehe,

überfällt mich Mitleid für ihn.

Ich blicke wieder in den Brunnen,

da ist immer noch der Mann.

Auch diesmal mag ich ihn nicht

und wende mich ab.

Als ich so fortgehe, überkommt mich die Sehnsucht nach ihm.

Im Brunnen leuchtet hell der Mond, Wolken ziehen dahin,

Der Himmel liegt ausgebreitet,

blauer Wind weht,

und der Herbst weilt dort.

Einer Erinnerung gleich

steht der Mann immer noch da.

 

Aus dem Koreanischen von Hoo Nam Seelmann. Yun Dong-Ju ist einer der berühmten Dichter der Moderne in Korea. Mit nur 27 Jahren starb er im japanischen Gefängnis in Fukuoka und hinterliess einen kleinen Band von Gedichten. Er wurde verhaftet, weil er auf Koreanisch Gedichte geschrieben hatte.

 

Neue Zürcher Zeitung vom 08.11.2014, Seite 55: