Text MERET BAUMANN

 

In Wien wird an allen Ecken gebaut. Um das Bevölkerungswachstum der Metropole bewältigen zu können, werden gänzlich neue Wohngebiete errichtet, Schulen, Spitäler, Altersheime und Bahnhöfe erstellt, die Stadtbahn angelegt. In der zentralen Kärntnerstrasse drängen sich die Menschen vor den Schaufenstern, und in der Strassenbahn herrscht ein Stimmengewirr verschiedenster Sprachen. Um die Verbauung auch der Naherholungsgebiete zu verhindern, beschliesst der Gemeinderat, den Wienerwald westlich und südlich der Stadt unter Schutz zu stellen.

Eine solche Schilderung würde in weiten Teilen auf die heutige Zeit zutreffen, beschreibt aber die Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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In den Jahren 2001 bis 2011 legte diese in Wien um knapp elf Prozent zu – in Europa wuchsen nur Madrid, Stockholm und Brüssel in derselben Periode stärker. Bewahrheiten sich die Prognosen der Statistiker, dürfte Österreichs Hauptstadt in diesem Ranking in den nächsten Jahren gar noch weiter vorstossen und mit München um den Spitzenplatz ringen. (…)

Allein in der laufenden Planungsperiode bis 2025 müssen laut Winkler 120 000 Wohnungen gebaut werden. Dabei profitiert Wien davon, dass es bis vor kurzem auch an zentraler Lage noch grossflächige Bahn- und Industrieanlagen aus der Zeit der Donaumonarchie gab, die nach dem Zerfall des Reichs nicht mehr gebraucht wurden. Am alten Nordbahnhof etwa wird derzeit ein Gelände von 85 Hektaren überbaut, etappenweise entstehen 10 000 Wohnungen und 20 000 Arbeitsplätze. Ebenfalls ein gänzlich neues Stadtquartier mit 5000 Wohnungen wird am Südbahnhof errichtet, der seit kurzem als Hauptbahnhof in Betrieb ist.

Kritik von Experten

Doch das Bauen auf der grünen Wiese stösst immer wieder auf Widerstand, unzählige Bürgerinitiativen wehren sich jeweils gegen die Projekte. Dazu kam zuletzt aber auch vermehrt Kritik von Experten, die der Stadt vorwerfen, Investoren gegenüber zu nachgiebig zu sein. So protestierten im Frühling namhafte Architekten in einem offenen Brief gegen die Neugestaltung des Areals des Wiener Eislaufvereins und die Errichtung eines Hochhauses mit Luxuswohnungen.

 

>> Weiterlesen auf der Website „Neue Züricher Zeitung“, 06.02.2015, Seite 7

 

Wien erlebt, wie bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einen enormen Boom. Die Politik steht vor ähnlichen Herausforderungen wie damals.