Interview: Jenni Roth

Der Philosoph Norbert Bolz erklärt, wie aus dem Begriff «Nachhaltigkeit» ein quasireligiöses Heilsversprechen geworden ist

 

Herr Bolz, Sie sind bekannt dafür, in gesellschaftlichen Diskursen gern einmal Contra zu geben. Was halten Sie vom zeitgeistigen Begriff der Nachhaltigkeit? Ein ökologischer Fundamentalismus?

Wenn Nachhaltigkeit als ökologischer Fundamentalismus benutzt würde, wäre das ja sinnvoll. Aber auch nur dann – etwa im ursprünglichen Sinn der Forstwirtschaft. Aber so, wie der Begriff heute verwendet wird, halte ich ihn für gewaltigen Unsinn. Er wird inflationär über alle möglichen gesellschaftlichen Zusammenhänge gestülpt und in den absurdesten Kombinationen benutzt, um zu signalisieren: «Ich bin ein guter Mensch.» Es gibt kaum mehr einen gesellschaftlichen Bereich, der nicht «nachhaltig» ist, der Begriff hat auch Eingang gefunden in die Unternehmensphilosophien, das ist absurd.

 

Wie erklären Sie sich diesen Siegeszug?

Er klingt – gemäss seinen forstwirtschaftlichen Ursprüngen – ungemein beruhigend: Es wächst was nach, alles ist balanciert. Aber die Balancemodelle der älteren ökologischen Bewegungen funktionieren nicht. Die Grünen brauchten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein neues Thema – und das war mit der Natur schnell gefunden. Aber der Grundgedanke der Grünen von einer Balance zwischen Gesellschaft und Umwelt im Sinne von Natur ist unvereinbar mit der Theorie komplexer Systeme. (...)

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