text ALFRED KOMAREK foto RUDOLF SEMOTAN

 

(...)

Aber ich schweife ab, wende mich also unverzüglich dem Thema dieser Geschichte

zu. Ich bin beharrlich mit einem alten Steyr-Waffenrad unterwegs, weil wir uns

in vielen Jahren sehr aneinander gewöhnt haben. Außerdem ist es recht

beruhigend, in manchem von gestern zu sein, weil so mehr Zukunft Platz hat.

Neulich überholte mich, unschlüssig in zahllosen Gängen wühlend, ein

papageienbunter, futuristisch behelmter Radfahrer und rief: „Sie müssen schon

auch einmal mit der Zeit gehen, Herr Komarek!“

 

Meine präpotente Antwort, dass die Zeit gefälligst mit mir gehen solle, nahm er

schon nicht mehr wahr. Und weil es der Zeit genügt, einfach da zu sein, ohne mit

irgendjemandem irgendwohin zu gehen, habe ich ohnedies verzichtbaren Unsinn

geredet.

(...)

Aber es gibt sehr viele, die sich ohne das offenbar hilfreiche Diktat von

Trendsettern, Animateuren, Marketingstrategen, Vorkostern, Vorreisenden,

Vorempfindern, Vordenkern, Vorlebern, Vorglaubern, Meinungsbildnern,

Lebensberatern, Coaches, Kultpredigern, Marken-Vermarktern und weiß der Teufel

was noch alles (natürlich beiderlei Geschlechts) in der Welt nicht mehr

zurechtfänden. Auf sich selbst zurückgeworfen, für sich selbst und für ihr Tun

verantwortlich, aller Wegweiser, Hinweiser und Anweiser ledig, wäre nichts mehr

als orientierungslose Ödnis und Einsamkeit um sie und in ihnen.

 

Wer nicht mitmacht, ist nicht dabei, und wer sich nicht sagen lässt, wohin es zu

gehen hat, muss sehen, wo er bleibt. Das darf nicht geschehen.

(...)

 

>> Weiterlesen auf der Website „Der Standard“, 13.09.2014 (Album), Seite 8

 

"Warum müssen wir immer alles müssen?" - Umzingelt von „Musts“, bedrängt von Zwängen, belehrt von Gebrauchsanweisungen, vom Erfolgsdruck gejagt und mit Glücksversprechen belogen, will ich von alldem nichts mehr wissen müssen.