text ROBERT MISIK

 

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„Sag, wollt ihr hier eigentlich den Sozialismus aufbauen?“, frage ich Haris irgendwann. „Ja“, sagt sie, schnell und entschieden, als wäre es völlig absurd, so etwas überhaupt zu bezweifeln. Auch Dimitris Tzanakopoulos, dem Kabinettschef, hatte ich diese Frage schon gestellt. Der antwortet etwas diplomatischer, dies „sei eine heikle Frage“, es gehe auch überhaupt nicht um Begriffe wie „Sozialismus“ oder „Sonstwas-ismus“. „Zunächst wollen wir die neoliberale, konservative Hegemonie in Europa brechen.“ Und dann sagt er lächelnd einen Satz, der lange in meinen Ohren klingen wird: „Die einzige Grenze ist der Himmel – the only limit is the sky!“

 

Es sind diese Momente, in denen ich mich bei dem Gedanken ertappe: „Sind die verrückt geworden?“ Leben in dem Land, das von einer Krise verheert ist, in dem Not und Elend endemisch geworden sind, stehen an der Schwelle zum Staatsbankrott, im Merkel-und-Schäuble-Europa – und glauben, der Sozialismus winkt um die nächste Ecke? Aber sofort schiebt sich in meinem Kopf eine andere Frage vor diese Frage: Was, wenn in Wirklichkeit wir verrückt geworden sind?

Wir, also die, die schon froh sind, das Schlimmste zu verhindern, wir, die wir Panik vor der kleinsten Veränderung haben, ja vor der kleinsten verwegenen Idee. Plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, wer spinnt: Die? Oder vielleicht wir?

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