Martin Heideggers Technikphilosophie – heute

text EDUARD KAESER foto BERNAT ARMANGUE

 

Bei allem zweifelhaften Ruf, in dem Martin Heidegger – zuletzt durch die Veröffentlichung seiner «Schwarzen Hefte» – steht: Kein Philosoph im 20. Jahrhundert hat eine radikalere Technikanalyse geliefert als er. Von ihr aus fällt auch Licht auf unsere digitale Gegenwart.

Martin Heidegger spricht von der Technik als vom «Gestell». Damit ist nicht eine fertige Konstruktion gemeint, sondern eine Tätigkeit des Stellens. Moderne Technik ist für ihn die Kulmination der «Eroberung der Welt als Bild». Das Wort «Bild» bedeutet für Heidegger: «das Gebilde des vorstellenden Herstellens» – einer Aktivität «der Berechnung, der Planung und der Züchtung aller Dinge». Die Gesamtheit dieses vorstellenden Herstellens, ebendas Gestell, ist selbst nichts Technisches, sondern ein – schicksalhaftes – Verhältnis des Menschen zu seiner Welt und zu sich selber. Im Stellen und Bestellen der Natur, so Heidegger, macht der Mensch sie zum «Bestand». Wälder, Kohleflöze, Ölquellen, Erzminen gehören zum Material- und Energiebestand der Erde.

Heute, liesse sich – daran anknüpfend – sagen, verwandelt sich der Mensch immer mehr in Datenbestände. Und dass er sich – oder das, was er für sich hält – ins Netz stellt, gehört schon zur emblematischen Grundhandlung unserer Zeit. 1949 diagnostizierte Heidegger am Beispiel des Radios: «Die Menschen sind jetzt nicht nebenbei auch Bestand-Stück des Rundfunks. Sie sind in ihrem Wesen schon auf diesen Charakter, Bestand-Stück zu sein, gestellt.» Als Datenbestände sind wir «Bestand-Stücke» des digitalen Gestells. Im Gestell ist alles Stückwerk, verfügbar und auswechselbar.

Das erinnert unweigerlich an die Welt heutigen Konsums, zu der Heideggers Position den denkbar schärfsten Kontrast markiert. Heidegger führt ein scheinbar banales Neutrum ins Treffen: das Ding.

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>> Weiterlesen auf der Website „Neue Züricher Zeitung“,  18.10.2014