Text ALBERT KIRCHENGAST

 

Was heutiger Städtebau vom Gestern lernen kann

 

Knapper Wohnraum in Wien und historische Dörfer im Burgenland waren jüngst der Ausgangspunkt eines «Versuchslabors». Das Ergebnis sind Architekturentwürfe, die den Traum vom Leben auf dem Lande neu interpretieren, gegen Zersiedelung und für die Vernetzung eines alt-neuen Grossraums eintreten.

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Können nur wenige Neubauten einen Vergleich mit Wiens gründerzeitlicher Bausubstanz überhaupt bestehen, ist es doch ein anderer, pragmatischer Grund, der die Wohnungssuchenden aus der Stadt vertreibt: der konsequente Preisanstieg auf dem Wiener Wohnungsmarkt. Dies meint jedenfalls der Architekt András Pálffy, wenn er von einer wahren «Gegenreformation» spricht, bei der ein jährlicher Wohnungsbedarf von bis zu 15 000 Einheiten das Eigenheim auf dem Land – samt Pendeln in die Stadt – höchst attraktiv mache. Der Blick auf die täglich überquellenden Wiener Autobahnen kann das nur bestätigen. Kein Wunder, zahlt man doch im Umland nicht selten einen Vierzigstel für Grund und Boden im Vergleich mit der Stadt.

Während andere über das planerische Desaster im steuerlich attraktiven Speckgürtel der Bundeshauptstadt debattieren, sich den Begriff Metropolitanregion selbstverständlich anverwandeln und damit kein singuläres Phänomen beschreiben, hat Pálffy sein eigenes Szenario entwickelt.

Nüchtern abwägend, plädiert er im Gespräch für eine Stärkung historischer, dichter Dorfstrukturen.

Was Generationen von Architekten vergeblich versuchten, machte Pálffy im letzten Semester zum universitären Kurs an der TU Wien. Zum sechsten Mal hat der Professor für Gestaltungslehre und Entwerfen ein Joint Venture initiiert, das ausgewählte Hochschulen aus Deutschland, Italien, Japan, Schottland und dem Tessin unter einem kernigen Thema versammelt: «Village Textures». (…)

1961, drei Jahre vor Bernard Rudofskys «Architecture without Architects», veröffentlichte der für die österreichische Nachkriegsmoderne so wichtige Architekt Roland Rainer, Professor an der Akademie der bildenden Künste und kurzzeitiger Stadtplaner Wiens, das Buch «Anonymes Bauen Nordburgenland»; darin eingeschlossen die Kritik eines modernen Architekten an der architektonischen Moderne, den Blick auf die Kontinuität architektonischer Entwicklungen gerichtet. Allerdings führte sein prächtig ausgestatteter Bildband eine bereits schwindende ländliche Baukultur vor: (…)

Das trügerische Bild ist gleichwohl heute noch von Aktualität. Denn es zeigt keineswegs bäuerliche Siedlungen anonymer Planerschaft – die nostalgische Sehnsucht nach vergangenen Lebensweisen. Viele nordburgenländische Dörfer wurden nämlich zentral, sozusagen am Wiener Reissbrett, entwickelt. Als «Ingenieursiedlungen» wurden sie teilweise im 18. Jahrhundert zur Wiederbesiedlung des nach Osten offenen, in den «Türkenkriegen» immer wieder von osmanischen Reitern überrollten Gebiets angelegt. Sie demonstrieren städtebauliche Prinzipien, die noch heute gültig und wiederholbar sind.

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>> Weiterlesen auf der Website „Neue Züricher Zeitung“, 07.02.2015