interview WOJCIECH CZAJA

„Ach, Europa! Da ist nichts mehr zu erwarten“

 

der Standard: Wann haben Sie das letzte Mal Stadt genossen?

Amin: Heute in der Früh. Ich war spazieren im Park.

 

Was ist Stadt für Sie?

Amin: Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Ich lebe und unterrichte in Cambridge bei

Boston. Mitten auf dem Cambridge Square gibt es einen Typen, der den ganzen Tag

in einer öffentlichen Mülltonne sitzt und Gitarre spielt. Noch nie hat sich

irgendwer darüber mokiert. Die Boheme findet ihn cool, die Bourgeoisie duldet

ihn. Das ist für mich Stadt.

 

Gibt es denn einen Unterschied zwischen der Stadt der Bourgeoisie und der Stadt

der Boheme?

Amin: Natürlich neigt man dazu, zu glauben, dass die Bohemian City mehr

öffentliches Leben birgt als die Ville bourgeoise. Der Verstand sagt uns, dass

Berlin öffentlicher, lebendiger, vielfältiger ist als etwa Paris, dass das New

Yorker West Village eine höhere Lebensqualität bietet als die sehr

traditionelle, konservative Upper East Side. Und ja, das stimmt auch. Doch Fakt

ist auch, dass die Stadt der Boheme eine sehr egoistische, eine sehr

selbstsichere sein kann.

 

Inwiefern?

Amin: In der Stadt der Bohemiens werden öffentliche Freiräume von Künstlern in

Beschlag genommen, da wird Tag und Nacht musiziert, da wird gemalt und an die

Wand gesprüht. Die Stadt der Bohemiens ist schrill und laut – und bisweilen sehr

anstrengend. Wem das nicht gefällt, der ist weg vom Fenster, der ist

Außenseiter, der wird niemals in die Gemeinschaft aufgenommen. Das ist sehr

brutal.

 

Ist es nicht umgekehrt genauso? Trifft das nicht auf jede geschlossene

Gemeinschaft beziehungsweise Gesellschaft zu?

Amin: Nein. Die internationale Stadtforschung hat gezeigt, dass bourgeoise

Gesellschaften weniger anspruchsvoll, weniger ausschließend sind als die

sogenannten Bohemiens, wenngleich die Lebensmodelle des Bürgertums wie etwa

Güterbesitz, Grundstückseigentum, Reichtum und Einbettung in wirtschaftliche

Strukturen das Gegenteil vermuten lassen.

 

In welcher Gesellschaft fühlen Sie sich denn persönlich wohler?

Amin: Weder noch. Die Stadt, in der ich mich wohlfühle, ist eine durchmischte, in

der eine pluralistische Gesellschaft zu Hause ist. Ich bin ein Freund eines

gewissen Chaos, das jedem und niemandem zugleich gehört. Ich bin ein Freund

gewisser Reibungen und Auseinandersetzungen. Das ist es, was Qualität für mich

ausmacht.

(...)

>> Weiterlesen auf der Website „der standard“, 2. November 2014

 

 

Ash Amin ist Stadtforscher an der University of Cambridge. Er spricht über Lebensqualität im Chaos, über den Stillstand  der europäischen Stadt und die bevorstehende „Verdrittweltung“ der westlichen City.